Sonntag, 26. Juli 2020

Im Reisefieber

Liebe Lavendel,

wenn Marmelade Zukunftsangst lindert, dann schick mir mal ein paar Kilo rüber. Oder du bringst sie mir persönlich, das wäre sehr nett. Dann könntest du mir auch persönlich Mut zusprechen und ich dir. Und bekochen könntest du mich auch - ich schätze es außerordentlich, wenn ich gefüttert werde. Ich würde dich pausenlos lobpreisen.

Nachdem ich heute gelesen habe, dass am Nordpol 21 Grad sind und in Sibirien 38 Grad bin ich wieder bänglich und mutlos geworden, muss ich zugeben. Gerade schüttet es draußen ohne Ende und natürlich begrüße auch ich jeden Regentropfen, als wäre er der Heiland persönlich. Jeder Regentag hilft, bilde ich mir ein. 

Deine Baumtrauer ist berechtigt, leider, wie gerne würde ich denken: die spinnt doch, die Lavendel, das stimmt doch alles gar nicht, jetzt schreibt die hier Fake News in unser neues Blog - aber meine guten Beziehungen zu einem Förster im Brandenburgischen bestätigen das alles und wäre in diesem Jahr der dritte Dürresommer in Folge gewesen, dann läge die Versteppung nur noch einen Wimpernschlag entfernt. Was sie ohnehin tut, dieser Sommer wird nur der Tropfen auf dem heißen Stein sein. Ja, meine Liebe, es ist furchteinflößend. In meinem Wald vor der Tür sieht noch alles tippetoppe aus, aber es ist ja auch kein richtiger Wald sondern ein kleines Wäldchen, ein Mischwäldchen, aber der Förster hat bei der Begutachtung gesagt "Dieser Wald kriegt 90 von 100 Punkten". Wenn du mir die Marmelade bringst, zeige ich ihn dir gerne. Deinem Hund wird's hier auch gefallen.



Der hier schon
Sieht auch nicht mehr ganz gesund aus





















Am Dienstag musst du ganz fest an mich denken, denn dann bin ich in Wien und es werden 34 Grad sein. Ich besuche eine Freundin und fahre sehr luxuriös mit dem Nachtzug hin und zurück. Kaum hatte ich meine Tickets gebucht, kam zwei Tage später die Meldung, dass sich in Österreich die Fallzahlen wieder dramatisch erhöhen und ich fragte mich, welcher Teufel mich geritten hat, ins Ausland zu reisen, wo ich doch seit Jahr und Tag nur an Ost- und Nordsee zu finden bin? Warum ausgerechnet jetzt so abenteuerlich - ist meine Hypochondrie am Ende nur verklausulierte Todessehnsucht?

Eine Woche war ich bei meiner Mutter - dank Corona habe ich feststellen dürfen, dass es sehr lauschig bei ihr im Garten ist, wenn ich nicht nur ein Wochenende dort bin, sondern mal alle Zeit der Welt habe, alte Freunde und erste Lieben zu treffen. Der schöne See hat jetzt sogar ein Strand Café, wie bei uns in Berlin, chillig und unaufgeregt, Elevator-Musik und Sonnenuntergang inklusive.

Als ich später an dem Hochhaus vorbeifuhr, in dem ich als kleines Kind gewohnt habe (in meinern Zehnern, sozusagen), saßen in der Abendsonne mindestens 3 Kinder und vier Erwachsene auf dem Balkon im 6. Stock, es war ein munteres Treiben und ich konnte sie gut verstehen, denn ich weiß ja, wie schön es dort oben ist. Beinah wäre ich ausgestiegen und hätte hochgerufen, ob ich mal kurz nach oben kommen darf.

Kaum in Berlin angekommen, ging's gleich wieder zur Sache. Wir haben in Steglitz einen großen Laden für Bastelbedarf und mein Host in Wien hat sich als Mitbringsel tatsächlich eine Stoffschere gewünscht, naja, des Menschen Wille ist sein Himmelreich.

An der Kasse jedenfalls beschimpft die Kassiererin eine Kundin dergestalt, dass ich mich einmischte und ihr wenig professionelles Gebaren beklagte. Die Hölle brach nun erst recht los, sie lasse sich nicht fertig machen, worauf ein anderer Kunde meint "Sie machen doch die Leute fertig und nicht umgekehrt", worauf sie ihn anbrüllte, er solle verschwinden und sich nicht in "Gespräche" einmischen, die ihn nichts angingen, sie kreiste komplett aus - ein Tumult, wie ich ihn noch nie erlebt habe mit einer Verkäuferin - aber das für mich Erstaunlichste war: niemand ihrer Kollegen griff ein, kein Vorgesetzter kam angerannt - obwohl die allgemeine Brüllerei eigentlich schon einen Polizeieinsatz hätte berechtigt erscheinen lassen. Wer mag, kann das auch positiv verstehen, als typische Berliner Lässigkeit oder so. Jedenfalls wusste ich, dass ich wieder zuhause bin.

Ich freue mich, dass du deine Zuhause-Ferien genießt. Mach nur weiter so, verreisen wird überschätzt. Lieber Regentänze lernen.

Liebste Urlaubsgrüße zurück
Deine Annika

Samstag, 25. Juli 2020

Ferienpost

Liebe Annika,

wie geht es Dir? Mir geht es gut. 
So habe ich schon als Kind gern meine Briefe angefangen und dann wusste ich nicht mehr weiter. 
Gut, Ferienpost ließ dann noch Text zum Thema Wetter und Unterkunft und Verpflegung zu.
Das Wetter ist gut. Ich wohne schön. Das Essen ist lecker. Und dann gab es noch liebe Grüße und fertig war`s. 

Was hast Du für ein Glück, dass meine Ferienbriefe heutzutage ein kleines bisschen anders sind. Zumindest sind sie etwas detailreicher. Also los: Das Wetter ist genau so, wie ich es mir von ganzem Herzen gewünscht habe. Die Quecksilbersäule nähert sich nicht dem 30er-Strich, es regnet zwischendurch, der Himmel lässt keine Blau-Langeweile aufkommen. Das Wetter ist perfekt.Jeden Regentropfen heiße ich Willkommen. 

Wie Du weißt, muss ich jeden Tag in den Wald gehen. Der Hund hat sich schon als Kleinkindhund angewöhnt, ausschließlich in den Wald zu kacken, darum ist das für mich ein Muss. Seit bald 12 Jahren sehe ich jeden Tag die Bäume, Sträucher, Farne, Fingerhüte, wilde Kirschen, Ameisenhügel, hin und wieder Wildschweine, das ein oder andere Reh. 
Es war sehr verlässlich im Wald. Ich wusste, was mich dort erwartete. Ich kannte im Grunde jeden Baum. Nach den vergangenen drei Sommern aber hat sich der Wald verändert. Die Bäume, Annika, sie sterben. Ich schaue ihnen beim Sterben zu. In diesem Jahr ist es traurig im Wald. Bedrohlich und furchteinflößend und absolut traurig. 
Die Nadelbäume geben auf. Man kann es riechen, sie riechen anders als sonst. Es riecht viel harziger. Der Waldboden ist ganz fedrig von den Millionenmillarden Nadeln, die von den Bäumen herunterrieseln. Es macht ein ganz leises wisperndes Geräusch, wenn sie herunterfallen und auf den Boden treffen. Übrig bleiben braungraue Gerippe. Einen Baum, der an besonderer Stelle stand, an dem ich oft vorbei ging, dem ich meine Hand wie oft auf die Rinde gelegt und dabei gedacht habe: Wenigstens du bist verlässlich, bist da, bleibst da! steht nun aller Nadeln beraubt und stirbt. 




Zu wenig Regen. Zu viel Borkenkäfer. Die stattlichen Riesen sterben. Und darum jubele ich für jeden Regentropfen. Als die Kinder noch klein waren und wir drei Kindergeburtstage pro Jahr feiern durften (ich sage das mit einem leicht hysterischen Unterton, ein Nachbeben all der gefeierten Partys am Rande der Hölle), machte ich gern Partys im Wald. Schatzsuchen waren sehr beliebt. Und an einer Stelle im Wald war ein perfekter Platz für Schätze. Es gab dunkles, saftig-weiches Moos, kleine Hügel, hohe Kiefern, Tannen und Fichten, es war ein verwunschenes Zwergen- und Feenreich. Hutzeli und Putzeli lebten dort und versteckten ihre süßen Schätze, teilten sie aber gern mit Geburtstagskindern. Und wenn man einmal nicht schreiend zwischen Bäumen rannte, sondern ganz still stand und lauschte, hörte man in der Ferne ein Bächlein rauschen und in der Nähe die Zwerge leise schmatzen.Und heute? Heute sieht es dort so aus:




Es bricht mir das Herz. Und es zeigt die Realität, den Klimawandel, die Welt, die sich verändert. Angsteinflößend.

Und die Ferienunterkunft? Die ist zuhause. Ich bin hier, schön im Rheinisch-Bergischen Kreis, habe ein sehr bequemes Bett und ein optimals Kopfkissen. Ich mag Ferien zuhause. Das Personal ist höflich, weil ich mir einen Artikel zum Thema Selbstfürsorge durchgelesen habe. Höflich zu sich selbst sein, weil man sein eigenes Personal ist, das ist nicht immer einfach. Aber im Augenblick klappt es gut. 

Das Essen schmeckt. Ich beweihräuchere mich einfach mal selbst. Weißt Du, wenn Du näher wohnen würdest, hättest Du schon längst die Erfahrung machen können. Ich kann kochen. Lecker kochen. Und am Liebesten für Menschen, die es zu schätzen wissen. Meine Schwester zum Beispiel. Wenn ich für sie koche, dann haut sie rein, bis der Ranzen spannt. Gemeinsam wird schnabuliert, bis kurz vorm Platzen. Ein riesig großer Spaß. 
Sie hat übrigens eine Küchenmaschine, auf die man einen Nudelaufsatz schrauben kann. Und diesen Nudelaufsatz hat sie sich gekauft. Jetzt ist es aber so, dass ich die gleiche Küchenmaschine habe. Ich habe einen Aufsatz für Spritzgebäck und Würstchen. Jetzt wollte ich unbedingt Nudeln machen. Darum habe ich mir ihren Nudelaufsatz geliehen. Erst habe ich Fettuccini gemacht, dann Spaghetti und als Drittes Tortellini. Und natürlich habe ich bei Spaghetti und Tortellini meine Schwester zum Essen eingeladen. 
Es war sehr, sehr lecker. Tortellini mit Käsefüllung. Aber auch ein bisschen sehr, sehr viel Arbeit. Egal. 
Ich überlege jeden Tag, wie die Chancen stehen, dass sie vergisst, dass der Nudelaufsatz eigentlich ihr gehört. Ob sie demnächst kommt und sagt: „Gib mir mein Nudelmoped zurück!“ Und wie ich dann reagieren soll.
„Nudelwas? Was ist das? Ich kenne so etwas nicht.“ 
Oder „Habe ich dir schon längstens zurückgegeben.“ 
Nächste Woche mache ich noch mal Fettucini. Mit einer Pilzrahmsoße. Da habe ich so einen Appetit drauf.

Meine Ferienaktivitäten finden sowieso im Moment viel in der Küche statt. Am Ufer der Agger, wo ich herumliege, Stromschnellen beobachte, Eisvögel bei der Jagd beobachte, Prachtlibellen und Schmetterlinge bewundere und Menschen mit Gummibooten belächle oder eben in der Küche. Dort koche ich Marmeladen. Letztes Jahr war ich so hitzeglähmt, da konnte ich mich kaum bewegen. Dieses Jahr habe ich ein Gelee von Sommeräpfeln gekocht, eines von Himbeeren und Wassermelone und eine Aprikosen-Pfirsich-Zitronenmarmelade. Bald möchte ich noch Mirabellen zu Marmelade verarbeiten. Und Pflaumen, denn der ungepflegte Pflaumenbaum im Vorgarten eskaliert dieses Jahr. Auf Erdbeermarmelade habe ich dieses Jahr keinen Bock. Ach, und Zucchini habe ich eingelegt. 
Hatte ich Dir schon von meinem Beet im Garten erzählt? Nicht? 

Da habe ich vier Zucchinipflanzen reingesetzt. Obwohl sie sehr eng stehen, gedeihen sie gut. Und machen einen guten Job. Einen wirklich guten Job (wieder zuviel über Donald Trump gelesen, da färbt machmal was ab).
Ich habe also viele Zucchini und die habe ich mit Zwiebeln und Knoblauch und Kräutern und Essig eingekocht. Die eine Zucchini war ein bisschen groß, ein rechter Prügel, bei ihr ist Schale hart und wenn man draufbeißt, dann quietscht sie. Ist aber trotzdem ein Erfolg, die Familie mag das Quietschen. 

Ich hoffe, Du genießt die Sommerzeit ebenfalls. Und den Regen. Die Kühle. 
Welche Marmelade magst Du am Liebesten? Soll ich Dir mal eine kochen? Möglicherweise lindert Marmelade auch Zukunftsangst.

Liebste Feriengrüße,
Deine Lavendel

Sonntag, 12. Juli 2020

Männer haben's so gut

Liebe Lavendel,

doch, in Sachen Flugangst mache ich dir was vor: du bist ja immerhin schon geflogen, mehrmals. Ich? Noch nie! Ich wollte ja eigentlich April 2019, der Flug war gebucht, auf zum Blogmädels-Treffen nach Bonn, aber drei Tage vorher fand ich mich in der Notaufnahme wieder - Flug abgesagt, ist ja klar. So'ne Kapriolen in der Luft und das wär's gewesen mit mir. 

Aber ich habe eine super Idee, die ich völlig ernst meine: wir fliegen gemeinsam, weißt du, so einen 1-Stunden-Flug. Wann immer jmd. neben mir sitzt, /derdie noch mehr Angst hat oder dieselbe, beruhigt mich das, weil ich in den Kümmer-Modus wechsle. Und du bist ja ähnlich gepolt - wir sind wie geschaffen füreinander und einen Kurzflug und auf lange Sicht fliegst du mit mir nach Maine. 

Wir könnten live aus dem Flugzeug bloggen. Wir könnten allen Flugangsthasen Hoffnung geben. Wir könnten mit einer Fluggesellschaft kooperieren, deren Namen wir hier ganz oft einfließen lassen, dann schenken die uns die Tickets für unseren ersten Testflug.Wir könnten eigene Merchandising-Artikel produzieren: Schlafbrillen, auf denen gedruckt steht "Bibber Bibber" oder Papiertüten, auf denen steht "Im Strahl kotzen mit Lavendel & Annika" oder Placebo-Tabletten auf denen "Propofol" steht. Hach, die Ideen sprudeln nur so aus mir raus. Deal oder Deal?

Nun zum Frauenleiden: fast alle Frauen bekommen zum Ende hin splattermovie-reife Blutungen, die sich mit handelsüblichem Hygieneartikeln kaum in Schach halten lassen. Du musst das so sehen: deine Gebärmutter kämpft mit allerletzter Kraft gegen den Tod an. Ja wirklich, sie bäumt sich ein paar letzte Male dermaßen auf gegen die Stillegung der Östrogen-Produktion, dass sie zum Schluss noch mal ein wahres Feuerwerk hinlegt, um die Götter zu überlisten. 

Im Grunde schreit sie "Iiiich will die Entscheidung treffen, wann hier Feierabend ist!" Aber sie entscheidet es natürlich nicht, all dieser Aufwand ist sinnlos, finally wird Ruhe im Karton sein. Also sei ihr nicht gram. Auch wenn die Schmerzen die Hölle sind - ich war teils weiß wie die Wand und dachte, dass eine Geburt unmöglich noch schlimmer sein kann. Du hast mir ja nun bestätigt, dass ich Recht lag mit dieser Annahme. 

Was Männern alles erspart bleibt!


Freitag, 10. Juli 2020

Amerika?

Annika, Annika, Annika,

bitte nicht nach Amerika! Das ist doch viel zu gefährlich dort. Und am Ende müsstest Du dort bleiben, in dem Land, das ein gemeingefährliches Kaschperle als Chef engagiert hat. Du bekämst dort sicher das Virus. Es würde Dich vielleicht nicht töten, aber es würde Dich quälen und Du müsstest zum Arzt, Deine Versicherung würde Dich ruinieren, Du würdest von irgendwelchem Möchtegern-Sicherheitspersonal zu Boden gepresst und trotz Gnadegeflehe zerquetscht. Möglicherweise würdest Du aber auch an einem Steak ersticken. Amerika ist heutzutage ein saumäßig gefährliches Pflaster. Da kannst Du besser nachts um drei durch Köln Chorweiler laufen.

Darum bin ich sehr froh, dass Deine Freundin sich am Riemen gerissen und ihre Gesundung eingeleitet hat. Sprich ihr bitte meinen tiefen Dank aus. Denn das Allergefährlichste habe ich noch nicht erwähnt. Den Flug. Über ein riesiges Wasser. Ein sehr tiefes Wasser. Tu das nicht. 10.000 Meter hoch in der Luft und unter Dir nur wenige Zentimeter Blech. Das ist doch völliger Quatsch. Der Mensch ist nicht gemacht zum Fliegen. Sonst hätte er Federn. 

Und ja, bei Flugangst macht mir keiner etwas vor. Als es noch nicht völlig verpönt war, Inlandsflüge zu buchen und meine Schwester noch in Berlin wohnte, quasi bei Dir ums Eck, da habe ich hin und wieder, selten, meine Flugangst mit mir konfrontiert. Die Flugangst saß dann immer ganz lässig im Sessel, lächelte mich an und versicherte mir, mich nicht allein zu lassen. Stieg mit mir ins Fluggerät und krallte sich bei jedem Hoppeln in meine Herzkranzgefäße. Ein Flug hat mich im Schnitt 4 Jahre altern lassen, pro Stunde. Wenn ich ausstieg aus der Blechkiste, fühlte ich mich immer so, als hätte ich die ganze Strecke über mit den Flügeln geschlagen und das komplette Flugzeug von Köln nach Berlin getragen. Jeder Muskel tat mir weh. Unfassbar anstrengend.

Ja. Ich bin ein Weichei. In mancher Hinsicht. Und wer mir am Herzen liegt, wird in meine Weicheiigkeit einbezogen. Und um den mache ich mir Sorgen. Und die Bewohner meines Herzens sollen deshalb auch nicht fliegen. Das Wolkenköpfchen möchte nächstes Jahr etwas Zeit auf Bali verbringen. Kannst Du Dir meine Qualen vorstellen? Noch kein Flug gebucht und ich mache mich schon nass. Schlimm, sowas. Und Du darfst deshalb auch nur dann Fliegen, wenn es wirklich keine Alternative gibt. Und sprich mich bitte vorher an, sag Bescheid, damit ich entsprechende abergläubische Kerzen anzünden, pendeln und Lobpreisungen singen kann. Danke.

Ich habe mir die Zeit, die Dir soviel Furcht brachte, mit Frauenleiden vertrieben. Das war auch nicht witzig, aber sicher viel besser als eine Gallenblase mit der Tendenz zum Platzen. Denn erfreulicherweise half bei mir Ibuprofen, zum Morphin musste ich nicht greifen. Nur nach drei Tagen Ibuprofen war dann ein bisschen was für den Magen fällig.

Weißt Du, ich hatte mich schon gefreut und dachte, die Zeit des Herummenstruierens sei jetzt langsam am Ende angekommen. Ich hatte nach 21 Tagen nichts, nach 25 Tagen auch nicht. Es folgten die Tage 30 bis 35 und nichts passierte. An Tag 38 knallte es in meiner Gebärmutter und ich bekam das gezeigt, was man eine Harke nennt. Übel. Ich muss Dir sicher nicht beschreiben, was mich ereilte. Am Liebsten hätte ich mir einen Korken eingeschraubt, wäre aber unphysiologisch gewesen, denn die Gebärmutterschleimhaut muss ja raus. Aber doch bitte nicht so, als … ach, vergiss es. 

Gleichzeitig ereilte mich ein Kopfschmerz, von dem ich dachte, er könnte das Symptom meines nahenden Endes sein. Und Krämpfe. Unterleibskrämpfe. Mitten in der Nacht dachte ich, Momentemol, das kenne ich doch. Das hatte ich schon dreimal und anschließend lag ein Baby in meinem Arm. Ich sinnierte im Halbschlaf vor mich hin, ob ich wohl eine komplette Schwangerschaft verbaselt haben könnte und sich nun eine Geburt anbahnte, die ich so nicht erwartet hatte. Gibt es ja. Gleichzeitig überlegte ich, ob der heilige Geist vorbeigeschaut haben könnte. Anders hätte sich eine Schwangerschaft nämlich nicht logisch erklären lassen. Ich erinnerte mich an das Veratmen von Schmerz und atmete tief in den Bauch hinein. Irgendwann bin ich über all dem eingeschlafen. Ich vermute, die Tablette war nicht unbeteiligt daran. Am nächsten Morgen, der drei Stunden später war, machte ich weiter damit. Tablettchen, atmen, das ganze Programm. Dazu regelmäßig hektische Badbesuche. Heute, an Tag vier des Dramas, hatte ich dann Magenweh von den ganzen Pillen.

Ja, es ist nicht tödlich. Nicht mal potentiell tödlich. Null Komma gar nicht. Aber ganz ehrlich, ich habe keine Geduld mehr mit solchen Ausflippern. Schon in der Pubertät fand ich Menstruieren nicht die prickelndste Zeit des Monats. Und nach 35 Jahren ist es doch gut. Meine Güte.

Schön, wenn man sich über so ein Pillepalle aufregen kann.

Wunderbar verregnete Grüße aus Pillepalllehausen,

Deine Lavendel



Mittwoch, 8. Juli 2020

Wie ich beinahe nach Amerika geflogen wäre

Du meine Güte, Lavendelchen, in dir steckt also auch so eine furchterregende Wut, die zum Ausbruch kommt, sobald sich ein Arschloch an fragil-wehrlosen Mitmenschen abarbeiten will. 

Tja, wir sind Seelenverwandte, denn auch ich kann die schlimmsten Gewalttäter vertreiben, allein mit meiner Stimme, die lassen ihre Opfer sofort los, echt, das ist mehrmals passiert, unter Zeugen, mitten in der Nacht, wenn ich aus dem Schlaf hochfuhr, weil draußen vor der Tür eine Frau verprügelt wurde (in Moabit, wo ich früher mal wohnte, kam das leider öfter vor), mich ans Fenster stellte und mit aller mir zur Verfügung stehenden eisigen Aggressivität rief, dass sie SOFORT, UMGEHEND, ABER PLÖTZLICH, etc. Die liefen weg, wirklich. Irgendwas schauerliches lauert in mir, obwohl ich sonst eine Stimme im steten Deeskalationsmodus habe, wie mir mal mein Chorleiter bescheinigte, immer sanft und seidig. Aber wehe, in meiner Nähe wird jemandem ein Leid angetan. Hm. 

Was eint uns noch? Natürlich! Die offenen Fenster. Tag und Nacht habe ich alles offen. Ich kühle gerne runter. Gegen Wind und Regen habe ich auch nichts. Ich bin ganz begeistert von diesem Sommer, der recht nass ist, Gottseidank. Ob das schon reicht, um den Wald zu retten, man weiß es nicht. 

Ich hatte leider kein schönes Wochenende, deshalb schreibe ich auch erst heute. Meine liebste Freundin, die nach Amerika gezogen ist vor fast einem Jahrzehnt, schrieb mir am Freitag "Mir geht es ziemlich schlecht, ich fahre jetzt ins Krankenhaus." Ich selbst laborierte an Hals-und Gliederschmerzen herum und sah mich bereits im Corona-Beatmungs-Koma, aber ein echter Notfall lässt mich eigene Zipperlein vergessen. Ich war in heller Aufruhr, denn sie geht für gewöhnlich mit Kopf unterm Arm ins Büro. 

Über Face Time konnte ich genau sehen, wie schlecht es ihr ging. Gesicht vom Schmerz gezeichnet und zerüttet, seit einer Woche quälte sie sich schon herum, aber nun würden die Schmerzen doch in Richtung unerträglich ausschlagen. Sie japste das alles mehr, als das sie sprach. Extrem kurzatmig und aufstehen konnte sie auch kaum noch.

Ihr Mann machte kurzen Prozess und fuhr sie ins Krankenhaus (nachdem sie schon ein paar Tage zuvor wieder heimgeschickt wurden von einem Arzt, der befand, sie sei noch nicht reif für die Emergency). Morgens um 3 Uhr bekam sie ein Bett und am nächsten Tag ein MRT. Aber da war dann Sonntag und kein Arzt vor Ort. Montag früh dann, sie unter Morphium (das aber kaum half), schaute der erste Arzt drauf und schleppte sie umgehend in den OP.

Ich schaute unterdessen nach Flügen - ein guter Moment, meine Flugangst zu überwinden, wie mir schien, auf was wollte ich denn noch warten? Schon bei ihrer Hochzeit war ich nicht dabei, aber wenn's ihr an den Kragen gehen sollte, dann muss ich bei ihr sein, was denn sonst? Wie groß mein Entsetzen, als ich darauf hingewiesen wurde, dass ich gar nicht einreisen dürfe und wenn, dann müsse ich 14 Tage in Quarantäne bleiben, jawohl, ich verfluchte dieses Virus, in der Stunde der Not kann ich wegen dieses Scheißdingens nicht bei ihr sein, das ist doch die Höhe!

Was sie hatte: eine hochgradig entzündete, riesige (so groß wie ein Hotdog) Gallenblase, gefüllt mit unzähligen Steinen, die Ärzte standen wegen der abnormen Größe vor einem medizinischen Wunder, anyway. in letzter Sekunde operiert, weil das Platzen stand unmittelbar bevor. 

Als sie aus der Narkose aufwachte und wir das erste Mal wieder sprachen, meinte sie, die Schmerzen seien leider noch schlimmer als vorher und Luft bekam sie immer noch nicht. Ich konferierte mit ihrem Mann, der mindestens ebensoviel Angst hatte wie ich, was wir voreinander geheim hielten und uns überboten mit Geschichten, dass Gallen-OPs die reinste Routine seien, im Normalfall vom Hausmeister eines jeden Krankenhauses zu bewältigen, ein Klacks, alles wird gut, everything will be fine. 

Die Ärzte sagte ihr, sie müsse ein zweites Mal unters Messer, am nächsten Tag. Sie hätte nicht alle Steine entfernen können. Ich wünschte mir enen Oligarchen mit Privatjet und Immunität - aber woher nehmen so kurzfristig?

Am nächsten Tag dann die Wende: MRT ergab, die restlichen Steine hätten sich bereits von selbst auf die Socken gemacht, keine OP nötig, sie könne entlassen werden. Das wurde sie auich und heute saß sie schon wieder für ein paar Stunden im Homeoffice, denn niemand könne, was sie kann, so sind die Personaldecken gestrickt und für sie sei das okay "Guck doch mal, ich kann sogar wieder sitzen und mich nach vorne beugen!" Sie ist schon voll assimiliert. 

Tja, naja, und deshalb schreibe ich erst heute.

Deine Annika

PS: Ich hasse die Kläffe von diesen kleinen Kläffern. Un-er-träg-lich.

Samstag, 4. Juli 2020

Kläffer und Brüller

Liebe Annika,

natürlich fuhr ich den Umzugswagen. Und weil der über eine leistungsstarke Klimaanlage verfügte, hatte ich am nächsten Tag ein Kratzen im Hals, welches ich aber nach Kräften ignorierte. Hat sich dann auch weggeguckt. Denn als Superhero lässt man sich von nichts in die Knie zwingen. 

Deine Einschätzung ist richtig. Ich halte mich für unbesiegbar und ständig mit vollem Tank ausgestattet (im Sinne von Kraft, nicht im Sinne von Suff, das möchte ich bei meiner Familienhistorie ausdrücklich vermerken). Und zwar so lange, bis mir die Luft ausgeht. Dann muss ich in die Reha. Um neu aufzutanken, damit ich direkt im Anschluss wieder unbesiegbar den Larry machen kann. Den Heiopei für alle.

Ganz selbstkritisch muss ich feststellen, dass es mir wirklich Spaß macht, wie ein Batteriehase herumzuhoppeln und die Welt zu retten. Elementar dazu gehört, dabei zu nörgeln, wie anstrengend das ist. Sonst macht es nur halb so viel Freude. Eine kleine Stimme wispert in meinem Kopf: „Was bist du nur für eine dumme Nuss!“. Auf Stimmen im Kopf, das hat mir meine Therapieerfahrung vermittelt, sollte man aber nur bedingt hören.
Die sagen nicht immer die Wahrheit. Und geben nicht die besten Ratschläge. Immerhin verdankt der Vater der Kinder meinem differenzierten Umgang mit Stimmen in meinem Kopf sein Leben. Wenn Du weißt, was ich meine.


Habe ich Dir eigentlich schon geschrieben, wie sehr ich das Wetter schätze? Die Temperatur ist wohligwarm, der Himmel wechselt regelmäßig sein Outfit, das Grünzeug muss nicht über Gebühr gegossen werden, die Regentonne ist voll, der Wald wird nicht von jugendlichen Lauchbeinen in Brand gesteckt, während sie heimlich ihre erste selbstgedrehte (mit Tee aus einem stibitzten Teebeutel von der Omma) Zigarette rauchen. Ich habe sogar kürzlich eine Pfütze entdeckt. Was für ein Erlebnis.

Allein dass es manchmal so drückend ist, könnte ich bemängeln. Aber so ist das im Rheinland nun mal. Links die Eifel, rechts Sauerland und Bergisches Land und dazwischen die Tiefebene. Es sammelt sich allerhand abgestandene Luft in dem Bereich (weshalb die sechsstufige Klimaanlage im Umzugswagen so ungeheuer viel Spaß machte).

Ich mag es auch, den ganzen Tag das Fenster sperrangelweit geöffnet zu haben. Im Augenblick zum Beispiel liege ich auf meinem Bett, meine nackten Füße vergraben sich in meiner weichen, lindgrünen Bettwäsche, das Fenster ist auf, ich schaue auf eine außer Kontrolle geratene Konifere, die versucht, an vorbeiziehenden Wolken zu kratzen, sich rauschend leicht im Wind bewegend. In der Nachbarschaft höre ich die Hunde kläffen.

Es gibt hier mittlerweile sehr viele Hunde. Und sie kläffen. Schräg gegenüber wohnen sogar ein paar Wölfe. Die bellen nicht, die heulen. Also schallt hin und wieder der Ruf des wilden Alaskas aus dem Garten auf der anderen Straßenseite. Die beiden sind natürlich keine reinen Wölfe. Aber sie haben noch sehr viel Wolf in sich.

Nachdem sie mir das erste Mal begegneten, habe ich mir erst einmal ein paar Dokus zum Thema Wolfshybride reingepfiffen. Man möchte schließlich wissen, ob man noch mit rotem Mützchen über die Straße gehen kann oder dadurch sein Schicksal herausfordert.
Inzwischen haben sie schon an meiner Hand geschnüffelt, wir sind also fast befreundet. Sie sind mir sympathisch. Zumindest im Vergleich zu den anderen Tölen der Straße.

Im kleinen Haus gegenüber, dem Haus vom Heckenmeister, der früher immer die Kinder anmeckerte, wenn sie einen Ball in seine Hecke schossen, jetzt aber schon seit zwei Jahren tot und begraben ist, dessen Hecke aber noch steht und aussieht, als wäre auch sie gern begraben, weil schon halb tot, wohnt seit kurzem ein weiterer Kläffer.

Nicht ganz kniehoch, keiner Sorte Hund zugehörig, blafft und bellt und kläfft er in einer Tour. Gehe ich an der Hecke vorbei, fängt er plötzlich an und erschreckt mich sehr übel. Bringe ich den Müll raus, immerhin eine Straßenbreite von ihm entfernt, tut er so, als wäre ich eine Bedrohung für sein Haus, Hof, Revier. Da überkommt mich innerlich schon der Gedanke: „Halt die Fresse, Mistvieh!“

Zumal ich einen so wunderbar schweigsamen Hund habe. Mein Hund kläfft nicht, bellt nicht, nur nachts manchmal, aber das ist mir egal, das höre ich nicht, weil ich zwei Stockwerke höher schlafe. 
Dem Mistvieh hingegen ist jeder Anlass recht, zu randalieren. Und was soll ich Dir sagen? Wieder einmal bestätigt sich die alte Weisheit „Wie der Herr, so`s Gescherr!“
Der Besitzer des Hundes, der neue Nachbar, hat sich auf eine Art und Weise eingeführt, die ihn nicht auf die Auswahlliste zum Nachbarn des Jahres kommen lässt. Erst hat er versucht, durch ständig aufgedrängte Gespräche und Fragen auf eine sehr spezielle, distanzlose und überfreundliche Art und Weise auf die Liste zu kommen. Aber dann...

Ich lag auf dem Bett (ja, meine Güte, ich liege eben öfter mal auf dem Bett, was ist schon dabei?) und sinnierte. Vielleicht schaute ich auch irgendeine komplett bescheuerte Serie. Es kann sein, dass ich dabei einen Lolli lutschte, das würde ich gar nicht abstreiten. Plötzlich wurde meine beschauliche Ruhe gestört von lautem Hupen und anschließendem Gezeter. Ich bin normalerweise gar nicht neugierig. Gut, das ist gelogen. Ich bin neugierig. Darum hing ich Sekunden später mit dem Kopf aus dem Dachfenster und beobachtete folgende Szene:

Der neue, überfreundlich-übereifrige Nachbar stand übergewichtig-dynamisch neben seinem schräg gestellten Auto, pumpte sich gewaltig auf und brüllte auf eine schmächtige, ältere Frau ein, die neben einem Kleintransporter stand und auf den Haufen Sperrmüll des Nachbarn schaute. Aufs Unflätigste beschimpfte der Nachbar sie und sofort ergriff sie die Flucht und sprang in den Kleintransporter, aus dem zur gleichen Zeit ein sehr schmächtiger und hutzeliger alter Mann ausgestiegen war, mit erhobenen Händen auf den Tobenden zuging und dabei versuchte, mit der Aussage: „Alles klar, Cheffe, schon weg“, den Eskalationsfatzke zu beruhigen.

Der wollte sich aber nicht beruhigen und beschimpfte munter weiter, wobei der kleine Mann sich rückwärts zurückzog, um möglichst unbeschadet in seinen Wagen zurückzukommen. 

Der Nachbar brüllte, er wolle die Polizei holen, das wäre Diebstahl (ja, rechtlich gesehen hat er Recht, es wäre Diebstahl seiner angepinkelten Matratze, eines zertrümmerten Schranks, angegammelter Möbelstückchen), seine Frau solle den Hund von der Leine lassen (den kleinen Kläffer, furchterregend) und er brüllte und brüllte, böse Worte fielen.

Und ich? Holte Luft, sammelte Energie tief in mir und entließ einen kräftigen Schrei aus dem Fenster. Rammte ihm seine Brüllerei zurück vor den Kopf.
Wie er denn Bitteschön mit Menschen umgehen würde.
Dass er sofort aufhören solle damit.
Dass sein Verhalten unmöglich wäre.
Dass er die Leute jetzt sofort in Ruhe lassen solle. 

Mit meiner besten Stimme, gelernt von meiner Mutter, bestimmend, hart, unerbittlich. Die Leute flüchteten, der Nachbar brüllte mir noch was zum Fenster hinauf, ich brüllte noch was hinunter und dann war gut.

Es war ein Fest für die restliche Nachbarschaft. Damit hatte ich es auf Seite 1 der Straßenklatschpresse geschafft. Erfreulicherweise waren aber recht viele Menschen der Ansicht, dass der Nachbar ein Vollhonk ist und sich seinen Sperrmüll sonstwohin garnieren soll. Ich überlegte noch ein bisschen, was ich wie hätte anders oder besser machen können. Kam aber zu dem Schluss, et is, wie et is, da mähste nix, und legte die Geschichte beiseite. 
Mehr oder weniger.

Denn jedesmal, wenn der Hund jetzt kläfft, denke ich daran, wie der Nachbar, dieses wandelnde Klischee in Shorts, Socken und Sandalen, mit Bierbauch, grauem Bart und schmuddeligem Hemd, nach dem Hund brüllte, der von der Leine gelassen werden sollte.
Der Hund, der immer kläfft.

Nur in dem Augenblick, als sein Herr und Meister ihn als angriffslustigen Kampfhund präsentieren wollte, da war kein Ton zu hören von der wilden Bestie. Die versteckte sich hinter den Beinen der Nachbarsfrau, welche entschuldigend die Schultern und Hände hob.
Was für ein Mini-Trump, dieser Mann.

Hast Du auch so eine spannende Umgebung? Und hängst Du auch gern am Fenster und schaust, was so los ist? Ich besorge mir demnächst für mein Fensterbrett ein Kissen, darauf lege ich dann meine Unterarme und Brüste und kommentiere, was so auf der Straße passiert. Hoffentlich finde ich dann noch Zeit, Dir zu schreiben. Und zu retten. Meinen eigenen Hund zum Beispiel. Der gestern wegen einer Gesichtsdeformation zum Tierarzt musste. Aber das erzähle ich Dir ein anderes Mal.

Hab ein wunderschönes Wochenende,
Deine Lavendel


Dienstag, 30. Juni 2020

Family Business

Ach, liebe Lavendel,

es gibt Momente, da beneide ich dich nicht und genieße mein Leben als Luxusweib, das sich alle paar Jahre den Maler-Nachbarn von nebenan rekrutiert und den alles streichen lässt, während ich das Wochenende nach Paris Baddeckenstedt entschwinde. 

Eine Tortur ist das: streichen bei Gluthitze. Und das ist es ja schon bei 14 Grad. Und den Umzugswagen besorgst du auch noch? Fährst ihn womöglich? Mein Liebe, es ist was faul im Staate Dänemark. Ich glaube, deine Brut hat nicht verstanden, dass du ein lebend Ding bist. Oder du selbst hast es so gut verborgen und springst allzeit bereit in jede Bresche, die sich dir in den Weg stellt, dass die glauben, dir mache das unbändigen Spaß.

Was es ja evtl. auch ein ganz klein bisschen macht? Wenn ich immerzu mein kleines Familienunternehmen am laufen halten und retten müsste, erfolgreich dabei wäre, hielte ich mich im Lauf der Jahre womöglich auch für unbesiegbar und mit ewig haltendem Treibstoff ausgestattet. Dein Nachwuchs jedenfalls nimmt das offenbar an. 

Später mehr, meine Liebe. Denn auch ich muss jetzt los, die Welt retten. 
Deine Annika

Samstag, 27. Juni 2020

Vom Streichen und Geflügel

Liebste Annika,

Ganz sicher hast du Dich schon gewundert, in welchem Loch ich verschwunden bin. So ewig, wie ich mich nicht gemeldet habe. Aber ich sage Dir, ich habe die Woche des Grauens hinter mir. 
Der ältere von den Söhnen ist umgezogen. Und hatte das wunderbare Glück, sowohl bei Auszug aus der alten Wohnung als auch bei Einzug in der neuen Wohnung zu renovieren. Da er es nicht schaffte, einen Spagat über 109 Kilometer hinzubekommen, bin ich in meiner Eigenschaft als IchKümmerMichUmAllesHansel in die Bresche gesprungen und habe im Schweiße meines Angesichts, und Du darfst das ruhig wörtlich nehmen bei den Temperaturen, die alte Bude geschrubbt, gestrichen, aufgepluscht. Nicht ganz uneigennützig, habe ich doch ein großes Interesse an der Kautionsrückzahlung, da diese sofort in meinem Portemonnaie verschwinden wird. 
In der neuen Wohnung mussten lila und braune Wände geweißelt werden, da hatte ich mit weiß auf weiß eindeutig den leichteren Job. 
Gut, es gab einige innerfamiliäre Verwerfungen bezüglich der Mithilfe anderer Familienmitglieder. Da ließ das Engagement eindeutig zu wünschen übrig. So sehr, dass ich zum ersten Mal seit sehr langer Zeit dem Vater des Sohnes eine sehr klare Ansage machen musste. Denn immerhin bin ich, wie Du ja weißt, ein Mensch mit Rücken und anderen Gebrechen, weshalb ich auf meine Belastungsgrenzen achten sollte. Was ich aber manchmal nicht tue. Diese Woche jedenfalls nicht. 
Integraler Bestandteil der Ansage war, sich eine Brechstange zu nehmen und das olle Laminat aus der Wohnung zu entfernen. Dann lief es. Männer brauchen immer einen ganz klaren und detaillierten Arbeitsauftrag. Sonst läuft nix. Meine Einwürfe bezüglich Verantwortungsgefühl, Einsatz, Kümmern ohne Auftrag, aus sich selbst heraus, wurden mit gerunzelter Stirn und leicht wippendem Kopp angehört. 

Hätte ich Gedanken lesen können, wer weiß, was ich dann gehört hätte. 
„Ochnäää, die schon wieder. Meckermaulmosermotz. Ich muss noch Gitarre spielen. Oh, hätte gerade so Bock auf ein Bier. Hm, ich glaube die Platte hab ich schon lange nicht mehr gehört. Und die auch nicht. Ich könnte mal wieder zum Frisör. Was hat sie gesagt? Oh verdammt, jetzt guckt sie wieder so. Ich muss was sagen. Was sag ich nur? Erst mal tief atmen und den Kopf ein bisschen bewegen. Jetzt so tun als ob…!“
So etwas in der Art? Wer weiß.
Heute war dann Möbelverschiffen angesagt. Früh stand ich vor der Autovermietung, um einen Wagen in entsprechender Größe zu besorgen. In Coronazeiten dauerts. Immer nur einer durfte rein und es saß auch nur ein Mitarbeiter in dem Laden. Vor der Tür standen aber an die 25 Leute, die ihre Karren abholen wollten. War ich froh, dass ich an sechster Stelle war. So dauerte es nur eine dreiviertel Stunde, bis ich die Kiste in Empfang nehmen konnte. 

Dann hin und her, Möbel schleppen, Trepp auf und ab. Und ich feuerte die Familie an. Denn ich hatte kein Bedürfnis, mich noch weiter zu zerstören. Ich bin doch nicht die CDU. Nichts habe ich geschleppt. Gar nichts. Fast. Aber an einer Holzlatte hebt man sich keinen Bruch. Und an einem Kissen auch nicht. Schon gar nicht, wenn man es einfach nur aus dem Fenster wirft. 
Nun ist aber alles erledigt und ich sehe ruhigeren Zeiten entgegen, ich naives Huhn. Am Horizont schwebt schon der nächste Umzug heran. Meine Schwester hat sich ein hübsches Paket Arbeit gekauft. Da werde ich sicher den Pinsel noch einmal in die Hand nehmen. 

Die neue Heimat des Burschen ist beschaulich und ruhig. Ich bin gespannt, wie es ihm auf Dauer gefällt. Wir sind nach getaner Arbeit noch an einen See gefahren, um dort ein Eis am Ufer zu schlecken. Das war familiäre Idylle pur. Der See war bevölkert von Wassergevögel, welches rund um den See alles zukackte. Kanadagänse kacken ja Haufen wie die ganz Großen. Auch die Enten hatten einiges zu bieten in Sachen Exkremente. Über dem See schwebte in perfekter Architektur eine Autobahnbrücke. Und am anderen Seeufer erblickte man eine hübsche Auswahl an Plattenbauten. Aber mit viel Wald drumherum. 
Der Vater der Kinder hatte einen Malagabecher. Finde ich grundsätzlich eklig aber nicht bedenklich. Normalerweise. Aber dieser Malagabecher war von einer Hundertschaft Rumrosinen überrannt worden. Ich sehe darin auch den Grund, warum er jetzt schon schläft. 
Das Bällchen Gummibärcheneis, für das sich der Mittelsohn entschied, war eine Ausgeburt der Hölle aber von wunderhübscher Farbe. Trotz dieser Umstände, aber vielleicht auch gerade deshalb, war es eines der schönsten Familienerlebnisse seit langem. Es gab viel zu lachen. 

Nur der Hund tat mir leid. Der war acht Stunden allein zu Hause. Und als wir wieder zuhause ankamen, geriet er aus dem Häuschen vor Freude. Wie lieb auch, dass er nirgendwo hingepieselt hat. Braves Tierchen. Der netteste Hund der Welt. So anders als die anderen Kläfftölen um uns herum. 

Ich mache jetzt die Augen zu. Denn meine Lider sind ganz schwer und schlapp. Und die Buchstaben hüpfen so seltsam herum. Schnell noch die Zahnbürste durch den Mund ziehen und dann erschöpft zusammenbrechen. 
Ich habe keinen Ventilator. Das Gebrumm würde mich irre machen. Aber danke für das Angebot. 


Gute Nacht. Deine Lavendel.

P.S.: Ich habe einen neuen Namen verliehen bekommen. Weil ich den großen Wagen fuhr (weil ich es einfach am Besten kann, das Autofahren, Du weißt ja, fast so gut wie Du), nannten sie mich Truckerin Sändy. Aber die Truckern Sändy hatte beim Fahren in der großen Stadt durchaus Schweißflecke unter dem Arm. Alles so eng, in der Stadt.


Donnerstag, 18. Juni 2020

The heat is on

Liebes Lavendelchen, 

hoffe, Rücken und Kopp geht es wieder besser und das lutschen von Lollis hat dir gutgetan.

Wegen der undankbaren Brut: was hältst du davon, nur noch für dich zu kochen? Und nur noch deinen Dreck zu entfernen? So'n innerfamiliärer Generalstreik? Wenn die sich benehmen, als ob sie in einer WG leben, kannst du das doch auch. Du sammelst von jedem wöchentlich 10 Euro ein und davon wird die Putzfrau bezahlt. 

Meine Perle war am Freitag da und hat angekündigt, sie komme erst in drei Wochen wieder, seitdem schwebe ich durch meine Wohnung und fasse nichts an. Nächste Woche soll es schon wieder auf die 40 Grad zu gehen, deutschlandweit, wenn nicht gar weltweit und da kann ich unmöglich den Haushalt in Schwung halten, ich muss die momentane Übersichtlichkeit konservieren, solange es irgend geht.

Das geht für mich natürlich einfacher als für dich, mit all deinen Blutsverwandten um dich herum, die bestimmt ohne Ende flusen. Und dann noch dein Hund dazu. 

Mein Leihhund muss bis auf weiteres auf mich verzichten, denn ersten ist unsere Home Office Zeit vorbei und zweitens, siehe oben, 40 Grad - ohne mich. 

Genießen wir also aus vollem Herzen, das kühle und regnerische Wochenende, das uns bevorsteht - wir müssen uns wappnen. 

Deine Annika
(PS: wenn du einen Ventialtor brauchst - bei mir gibt es die zuhauf)

Mittwoch, 10. Juni 2020

Lolli-Zeit


Liebe Annika,

das Virus hat sich erschreckt und ist darum geflüchtet, als es in meine Nähe kam. Das lag vermutlich an meinem schlunzigen Outfit. Den ganzen Tag im Schlabbanzug, da graust es das grausigste Virus. Oder war es der Virus? Und hat er sich verhalten wie der Paketbote? Der hat nämlich auch vergruselt aus dem Paketbotendress geguckt, als ich ihm die Tür aufgemacht habe. Mit oller Frisur und ohne Büstenhalter, dafür allerdings deutlich zu tief dekolletiert.Heißt das so? Ist mir jetzt auch wurscht. Ob das so heißt. Das Paket war nicht mal für mich. 

Was ist sonst noch los in meinem Leben? 
Nun, ich habe mal wieder Rücken und Kopp. Und viel zu enge Kniestrümpfe. Was das miteinander zu tun hat? Nichts. Aber das Kopfweh, das hat vermutlich mit dem Rücken zu tun, ich vermute eine widerliche Verspannung von der Ferse bis zum Haaransatz. Als meine Körpertante, sprich die Physiotherapeutin, letzte Woche versuchte, das ISG (Ileosakralgelenk, falls Du es genauer wissen möchtest, ganz unten am Rücken, also quasi fast am Arsch und so fühlt es sich auch an) zu mobilisieren, da habe ich einmal kurz gebrüllt wie ein Löwe und sie hat sich mörderisch erschreckt, so dass sie sogar kurz hüpfen musste. Wir haben uns dann beieinander entschuldigt. Sie sich bei mir für verursachte Schmerzen, ich mich bei ihr für verursachten Schrecken. 
Leider ist nichts besser und ich weiß, ich müsste Spocht machen. Meine Rückengymnastik. Ich weiß ja, wie es geht. Aber meine leicht depressive Grundstimmung verursacht mir eine Bewegungshemmung. Außerdem muss ich schon jeden Tag im Wald rumeiern. Wo ich jeden Baum kenne. Und jeden Busch. Jedes Moospolster, jeden Fingerhut, jeden Furz und jeden Firlefanz. 
Morgen früh muss ich nicht in den Wald, da geht der Mann. Da könnte ich natürlich zum Ausgleich auf die Spochtmatte springen und das Becken kreisen und den Schinkengang machen. Nur knallt mir justamente die Bewegungshemmung dazwischen. Einfach mal liegen bleiben. 

Möchtest Du wissen, was diese Grundstimmung verursacht?

Eigentlich handelt es sich um das andere Ende Deines Samstagabend-Realerlebnisses. 
Ich hocke genau auf der gegenüberliegenden Seite. Ich stehe nämlich morgens in der Frühe in der Küche, die aussieht als wäre darin ein Küchenchef samt Mannschaft im Drogenrausch eskaliert. 
Ich habe am Abend vorher gekocht, mit Pfiff und Anspruch. Und just als ich fertig war, bekam ich vom Mann erklärt, dass er noch gar keinen Hunger habe und nicht gedenke, jetzt etwas zu essen. Anschließend bekamen sich die eigentlich schon erwachsenen Kinderchen wegen irgendeinem Pillepalle in die Haare und das Frollein rauschte empört von dannen und ich saß mit dem Misjöh Zweitgeburt am Tisch allein, meine Laune war extrem grottig, ich starrte nur noch auf meine Teller, aß mein Portiönchen und verschwand dann auf hoher Aggressionsflamme köchelnd in mein Zimmer. In mein Stockwerk. 
Und am nächsten Morgen war die Küche unverändert. Ich stand nicht mal vor einem Regal, in dem Waren lagen, die ich hätte kaufen können, ich stand vor einer dreckigen Pfanne, kalten Essensresten und vergammelten Überresten von freudiger Erwartung, fröhlichem Kochen und glücklichem Familienleben. 

Weißte Bescheid. Ich vermute, das Gefühl ist dem Deinen recht ähnlich.

Jetzt lass mich doch noch überlegen, suchen nach etwas Schönem, mich Beglückendem. 

Ich habe eine Tüte mit Lutschern gekauft, bunte Lutscher, wie früher. Wenn ich mir davon am Abend ein bis drei reinziehe, dann geht`s. Dann komme ich durch. 


                                                              (Welches Schätzchen nehm ich nur?)

Übrigens muss ich dauernd über die Storchenklause nachdenken. Ich finde es sehr gewagt, ein Hochzeitsessen in der Storchenklause durchzuziehen. Aber ich habe ja auch drei Kinder. Wer weiß, wieviele es geworden wären, hätte es neben dem Rathaus eine Storchenklause gegeben. Ich wage nicht, es mir auzumalen. Elender Storch, elender. 

Ich nehme den mit dem gelben Rand. Und den mit dem rosa-grünen. Und das wird ganz sicher das heutige erotische Highlight. Damit dürfte alles gesagt sein für heute. 

In diesem Sinne ewig die Deine.
Lavendel



Dienstag, 9. Juni 2020

Brandenburgische Standesbeamtinnen

Lavendelchen, du wirst doch nicht etwa vom Virus aufgestöbert worden sein und liegst nun darnieder, unfähig, einen Laptop auf den Knien zu balancieren und dir etwas Heiteres aus den Fingern zu saugen? Na? Muss ich mir Sorgen machen???

Unsereiner beehrt die Hauptstadt und deren Lieblingsrestaurants mit Anwesenheit. Ich muss ja die Wirtschaft ankurbeln und viel Reisnudeln mit Garnelen aber ohne Koriander futtern. Beim Italiener hingegen nur Pizza Morte, also nix an nix, nur Teig mit Öl drübba - herrlich. 

Überhaupt treffe ich mich jetzt wieder viel mit anderen, wenn auch nur an der frischen Luft. Obwohl neulich, da hatte ich den Schweden zu Gast. Stell dir vor: ich kenne einen Schweden, der stinkereich, 20 Jahre jünger ist und einen Narren an mir gefressen hat. Ich erinnere den bestimmt an eine Tante, womöglich an seine Mutter, die lebt ja in Schweden und das ist ja ganz schön weit weg, nicht wahr? Kann man sich schon mal für eine ältliche Berlinerin erwärmen, gell?

Ich war sogar neulich auf einer Corona-Hochzeit auf dem Land. Wir alle im Trauraum mit Masken auf und weit voneinander entfernt gesessen. Eine rustikale, brandenburgische Standesbeamtin mit pfiffiger Kurzhaarfrisur und BSR-orangenem T-Shirt über einer Hose brüllte gegen ihre Maske an und bediente mit der Fernbedienung die Musikanlage. Das Hochzeitspaar hatte sich etliche Lieder gewünscht und die wurden nun alle drei Minuten angemacht und wir mussten alle zuhören. Habe ich so noch nie erlebt. Das zog sich also alles hin durch die Beschallung und draußen vor der Tür musste erst noch der obligatorische Baumstamm durchgesägt werden, bevor wir uns direkt nebenan in die Storchenklause begaben. Bei Storchenklause denkt man ja gleich ans Schlimmste, aber: deutsche Hausmannskost at its best.

Aber trotz dieser amüsanten Begegnungen ist mein Leben nicht nur mit Sternstunden gespickt. Letzten Samstag zum Beispiel, da hatte ich tagsüber eine Radtour mit einer Freundin und den Leihhund gemacht, dann saßen wir noch in einer entzückenden Eisdiele mit spitzenmäßigem Eis, ich bin da sehr mäkelig, musst du wissen, jedenfalls radelten wir dann im Wolkenbruch nach Hause und sowohl Hund als auch ich hatten genug getan, um den Rest des Abends zu netflixen. 

Aber gegen 21 Uhr fiel mir ein, dass ich noch dringend einen Wochenendeinkauf machen muss und bis 22 Uhr hat REAL auf, ich also hin und plötzlich finde ich mich am Tchibo Regal wieder, vor den Sonderangeboten und mir wird klar, was ich da mache: ich stehe Samstag Abend bei REAL vor dem Tchibo Regal und da wollte ich laut aufschluchzen und mein verkorkstes und vollends missglücktes Leben betrauern. Habe ich dann aber erst im Auto gemacht. 

So mäandere ich hin und her in meinem Gedankengebirge, mal guter Dinge, mal schlechter Dinge; ich weiß eigentlich nie, welche Stimmung mich erwartet, alles ist möglich derzeit. 

Und bei dir so?

Fragt sich deine Annika

Sonntag, 31. Mai 2020

Hart aber unfair

Liebe Lavendel,

da reise ich ein wenig in der Welt umher und indessen kommandiert dir Schwermut dein Befinden. Ach meine Liebe, alles, was du da aufzählst, ist nichts, was einen depressionslos lässt, wenn man sich denn in die Tiefe begibt beim Betrachten dieser Abscheulichkeiten. Von daher kann ich dir nichts tröstliches sagen, denn da gibt es keinen Trost.

Die Schwanzfotos - da denke ich mir immer, das sind verschwiemelte Typen mit Pickeln auf dem Rücken, die noch nie Sex hatten und aller Wahrscheinlichkeit auch nie welchen haben werden, außer den, den sie von tapferen Prostituierten bekommen. By the way: man müsste mal für die klatschen! 

Deiner Tochter würde ich raten, die Schwanzfoto-Absender der Öffentlichkeit preiszugeben. Der Mutter des Schwanzträgers beispielsweise. Man könnte eine Rubrik in Schülerzeitungen (gibt es sowas überhaupt noch?) einrichten "Schwanz der Woche" oder so ähnlich, mit Namen des Besitzers und vielleicht dem Lehrkörper vorschlagen, mal aus aktuellem Anlass referieren zu lassen. Alles tun halt, was den Absender beschämt. Möglichst mit Humor. Der Tochter nur das eigene Entsetzen zu spiegeln, hilft am Ende wenig, dann lieber gute Tipps liefern, um die geistig schwer Verirrten wieder in die Spur zu bringen. 


Minneapolis: klarer Fall, was es auch Gutes mit sich bringt, wenn interessierte Teenager filmen und veröffentlichen. Eine Siebzehnjährige soll das auf YouTube gebracht haben, damit nicht verschleiert werden konnte, was passiert ist.  

Das ändert natürlich nichts an dem, was passiert ist. Es ist unvorstellbar brutal. Ich selbst war mal vor über 20 Jahren Zeugin von so einem Polizeieinsatz; nachts vor unserem Schlafzimmerfenster in Moabit spielte sich das ab. Wir wurden von einem Tumult wach, rissen das Fenster auf und riefen "Lassen Sie den Mann los, wir rufen die Polizei!" - zur Antwort kam "Wir sind die Polizei!". Zivilfahnder hatten einen Mann verfolgt und stellten ihn direkt vor unserem Haus. 

Genau wie in Minneapolis kniete einer der Polizisten auf seinem Hals und der Mann keuchte um Hilfe, bereits mit Handschellen auf dem Rücken - ich werde das nie vergessen, wie dieser Mann röchelte und ich beim Betrachten dieser Szenerie glauben sollte, dass von dem Erstickenden eine Gefahr ausging und der auf ihm Knieende der "Freund und Helfer" sein sollte. 

Ich vermute, dass sich in all diesen Berufen wie Polizisten, Personenschützern, Berufssoldaten, etc. eine ganz bestimmte psychische Disposition gehäuft findet. Narzisstische Allmachtsphantasien gepaart mit Depressionen und Dogen-, Alkohol- und Medikamentenabusus - naja und das alles in bewaffnete Hände gelegt... da kommt oft Scheiße bei raus. 

Mein Tipp an dich: Verdräng' das so schnell wie möglich. Es geht niemandem besser, wenn du darüber verzweifelst. Passiert sowas mal bei dir im Rheinland und du erfährst davon, kannst du sofort Demos organisieren und wegen meiner noch andere Sachen machen, um deine Ernsthaftigkeit zu untermauern, ich komme dann auch und skandiere mit - aber bis dahin: zieh dir keine fremden Kleider an. 

Du kannst eben immer nur dafür sorgen, dass am Ende für dich alles gut wird oder vielleicht noch für den einen oder anderen in deinem direkten Einflussbereich. Alle anderen müssen auf sich selbst aufpassen. 

Liebste Grüße aus der Hauptstadt
Deine Annika

PS: Von meiner Reise erzähle ich morgen.


Donnerstag, 28. Mai 2020

Mutlos Mut machen

Meine liebste Annika,

gerade jetzt bräuchte ich Dich. Aber Du kommst ja wieder. Welch ein tröstlicher Gedanke.
Wo ich so angefüllt bin mit Überlegungen. Die Gedanken auf der leichten Seite drehen sich um so weltbewegende Dinge wie die Frage, ob es eine Lesebrille gibt, die ich unter der Dusche tragen kann, damit ich nicht nach dem Duschen unter schwersten Verrenkungen im Waschbecken die Beine nachrasieren muss, da ich die Hälfte der Haare übersehen habe.

Auch die Überlegung, ob ich meine Tochter dazu zwingen soll, mir zu sagen, welches Arschloch ihr ein Dick-Pic geschickt hat, treibt mich auf der nicht ganz so leichten Seite um. Als ich ihr im Gespräch über „Männerwelten“ sagte, ich habe noch nicht ein einziges Mal so ein lächerliches Männergenital in Fotoform aufs Handy bekommen, schaute sie ganz erstaunt und sagte: „Echt nicht? Also ich hab schon einige.“

Da blieb mir erst einmal die Spucke weg. Meine Frage nach dem WER? wollte sie mir nicht beantworten. Aber wie kann ich sie dazu bringen, mir den Widerling zu nennen, wenn sie es partout nicht will? 
Gut, wir mussten schon auch lachen darüber, dass diejenigen, die solche Bilder verschicken, sich nicht schämen. Denn ein Penis, ich meine, jetzt mal ehrlich, ein Penis wirkt irgendwie albern. Vor allem, wenn er vom Rest des Männerkörpers getrennt daher kommt. Darüber muss ich weiter nachdenken. Nicht über Penisse ohne Rest. Sondern über meine Tochter und Penisfotos und meinen Zorn.

Und Gedanken rasen durch mich hindurch, wenn ich an die Welt als Ganzes denke. Es wächst mir fast über den Kopf, darüber zu denken. 
Ich möchte meine Haare  verzweifelt raufen, leise stöhnen und dabei suche ich in mir nach Hoffnung. Hoffnung für diese Welt.
Mir schien es fast, als gäbe es keine mehr, als ich das Video von dem Mann in Minneapolis sah, auf dessen Nacken so lange ein Polizist hockte, bis ihm das Leben genommen war. Rassismus, Polizeigewalt, dumme Leute, alles in Amerika. Ist das so?

Hanau, Halle, AFD, kehren wir in Deutschland, kehren wir vor unserer Tür. Dafür müssen wir nicht über den Teich. Dafür müssen wir nicht einmal eine Grenze queren. Rassismus, Antisemitismus, Rechtsradikalismus, das können wir selbst. Seien wir dankbar dafür, dass hier nicht Kreti und Pleti eine Knarre bekommen können.

Du siehst, das schöne Wetter schafft es einfach nicht, meine rheinische Frohnatur hochzuspülen. Denn da ruft es in mir nur lauthals KLIMAWANDEL, und ich lege meinen Kopf auf die Tischplatte.

Komm bitte bald wieder und behaupte steif und fest, dass am Ende alles gut wird.
Aber wage es Dich nicht zu behaupten, wenn nicht alles gut ist, ist es auch noch nicht das Ende. Dann schreie ich so laut, dass Du es ohne Telefon bis Berlin hörst.

Ein bisschen Mut gemacht zu bekommen, könnte mir helfen. Vielleicht könntest Du das für mich tun. Und wenn ich wieder mutig bin, dann mache ich Dir auch Mut. Wir könnten uns den Mut hin und her werfen.

Miss you, Deine Lavendel


Mittwoch, 27. Mai 2020

Auf Eis gelegt

Liebe Lavendel,

du musst übernehmen für eine Weile. Ich habe derzeit einen Platz an der Sonne und mannigfaltige gesellschaftliche Verpflichtungen, über die ich nach meiner Rückkehr berichten werde.

Hier nur ein paar Impressionen.

Immer die Deine
Annika













Freitag, 22. Mai 2020

Heiß auf Eis

Liebe Annika,

wer hat denn dann den Regen geschickt, wenn Du mir meinen Wunsch nicht erfüllen wolltest? Es ist nämlich in der Tat so, dass hier herrlichste Regentropfen an mein Dachfenster klopfen. Und der Himmel hängt voll mit grauen und wasserschweren Wolken.
Die Luft ähnelt einer feuchtfröhlichen Regenwaldluft, warm, etwas glibberig, satt und ein bisschen schwer zu atmen. Aber nach der staubigen Trockenheit ist es ein gutes Gefühl, die oberen Atemwege zu befeuchten.

Passend zum Wetter hat sich meine Laune übrigens deutlich gebessert. Das kann auch daran liegen, dass ich heute, bevor der Regen kam, Rasen gemäht, alte Blätter aus Kellerschächten geholt und überflüssiges Grünzeug abgesäbelt habe. Ich habe einmal gelesen, dass Gartenarbeit der Stimmung zuträglich ist. Außerdem werde ich mir, weil ich bei dieser körperlichen Anstrengung einiges an Energie einsetzen musste, gleich die Speicher mit einem feinen Eis auffüllen. Ich habe immerhin noch vierzig Minuten Zeit dazu. Nach 18 Uhr kann ich nämlich nicht mehr. Kein Eis nach 18 Uhr. Andere Leute trinken Alkohol erst nach 16 Uhr. Ich esse Eis nur bis 18 Uhr. Wenn ich es nämlich nach dieser Sperrstunde esse, ereilen mich eine halbe Stunde später Schmerzen aus der Hölle. Dann liege ich kaltschweißig um die Kloschüssel gewickelt und hoffe, dass es vorübergeht.

Das liegt am Alter, oder? Früher konnte ich immer Eis essen. Egal wann. Und Salat auch. Heutzutage muss ich wirklich aufpassen. Je später der Abend um so empfindlicher die Innereien. Allein die Vorstellung, um Mitternacht ein Spiegelei zu essen, oder eine Mitternachtssuppe, lässt mich schwächeln. Das geht nicht mehr. Ich betrachte das als Affront meines Körpers gegen meine Bedürfnisse. Ich kann doch nicht alles früh am Morgen in mich reinschaufeln. Oder doch? Hast Du mir nicht gesagt, es sei in Ordnung, morgens Fischstäbchen mit Remoulade zu essen?

Ich muss jetzt aufhören. Sonst schaffe ich das zeitlich nicht mehr mit meinem Eis. Tut mir leid. Da muss ich Prioritäten setzen und die liegen heute eindeutig beim Gefroren. Und nicht beim Schreiben.

Entschuldige bitte.
Ich muss ans Tiefkühlfach.

Deine Lavendel





Donnerstag, 21. Mai 2020

Ein Wunder!

Liebe Lavendel,

deine Sehnsucht nach Regen bleibt von mir ungeteilt, sorry meine Gutste, da diese Art von Sonne noch nicht mit unerträglicher Hitze einhergeht. Bis auf weiteres wünsche ich mir Regen nur in der Nacht, wegen der Natur.  

Aber dass du deine Missmutigkeit besser bei grudegrauem Himmel ertragen kannst, als bei dieser munter und unbekümmert vor sich hin explodierenden Flora und Fauna (diese Farben!), verstehe ich durchaus. Das Wetter passt nicht zum Ernst der Lage. Das Wetter tut so, als sei nix. Das Wetter war noch nie so gut wie heute, wo kein Schwein vor die Tür darf. Kurz: das Wetter verarscht uns. 

Draußen geht die Post ab, photosynthetisch und drinnen herrscht Antriebslosigkeit.

Gestern erzählte mir eine Kollegin: "Ich habe mir von Anfang an vorgenommen, nicht zu verlottern. Jeden Tag eine Stunden Sport, eine Stunde Wohnung aufräumen/putzen und jeden Tag eine Stunde etwas machen, was ich schon lange machen wollte. Ich habe jetzt alle Fotos in Alben eingeklebt."

Ich bin der Verlotterungstyp. Die St.-Nimmerleins-Prokrastinatorin. Hier stapelt sich so einiges mittlerweile. Selbst während ich das schreibe, prokrastiniere ich: morgen kommt der Maler und ich muss mein Schlafzimmer vollständig ausräumen. Und Freitag fahre ich dann ein paar Tage weg, damit der Maler nicht auf die Idee kommt, ich könnte ihm hie und da helfen. 

Aber jetzt zu den wirklich wichtigen Sachen: ich habe mich gestern auf die Waage gestellt. Seit Monaten habe ich das nicht mehr gemacht. Als zufällige Duplizität der Ereignisse war auch die Batterie der Waage leer und ich hatte keine neue zur Hand. Meine Furcht wurde im Lauf der letzten Wochen immer größer, denn wer abends Flips futtert und morgens um 11 Uhr Fischstäbchen brät, der kann keine Überraschungen auf der Waage erleben. Mit starken inneren Widerständen stellte ich mich auf das Ding. 

Was soll ich sagen? Ich habe kein Gramm zugenommen. Ein Wunder! Wenn ich wüsste, wie mir das gelungen ist, würde ich sofort ein Buch darüber schreiben und stinkreich werden. So kann ich nur Vermutungen anstellen:
  • Esst Flips
  • Esst Fischstäbchen mit Remoulade
  • Esst viele Erdbeeren, aber nur deutsche
  • Schlaft viel
  • Haltet Nickerchen tagsüber
  • Kauft euch öfter mal ein Eis
  • 1-2 Stunden am Tag radeln oder spazieren (gemächlich) 
So behältst du deine Figur. Wenn du willst. 

In diesem Sinne
Deine Annika

Mittwoch, 20. Mai 2020

Zuviel Sonne

Liebe Annika,

hoffentlich bist Du Deinem Schwächeanfall durch Unterernährung mit der Vernichtung Deines Hasenvorrates entgegengetreten und hast Dich von Grissini mit Kräuter-Quark aus dem Thermowmix erholt. 
Ich hatte auch einmal eine Thermowmix-Begegnung der speziellen Art. 
Eigentlich möchte ich das gar nicht gern vertiefen, weil diese Begegnung einige unangenehme Minuten mit heftigen Darmkontraktionen auf dem Klo verursachte und sich in meiner Erinnerung eingegraben hat. Hauptdarsteller war ein Pudding aus dem WMixgerät in Verbindung mit Zuckeraustauschstoffen. 
Lass mich schnell das Thema wechseln.

Ich sehe gerade eine ordentliche Staubschicht auf dem Rand meines Bettes. Und ja, ich liege auf dem Bett. Es ist noch hellichter Tag. Draußen scheint die Sonne. Und ich verweigere mich dieser Sonne. Ich möchte nicht. Ich bin erschöpft. Meine Nacht war nicht erholsam. Und immer nur Sonne, das hält doch keiner aus. 

Ich möchte so gern endlich wieder einmal frustiert und traurig in den Regen schauen, dabei melancholische Gedanken wälzen und nicht denken, hach, die Tomaten brauchen noch Wasser. Und die Kartoffeln. Und die Gurke. Und die Zucchini-Babys. Immer Sonne. Sonne, Sonne, Sonne. Ständig gutes Wetter. Sind wir hier im Sunshine-State oder was? 


Bei Sonne habe ich auch absolut keine Lust, Staub wegzuwischen. Denn dann wischelt man umher und anschließend schaut man den ganzen Fusseln beim Tanz in den Sonnenstrahlen zu. Als Kind fand ich das sensationell, diese wunderbar geschmeidige Eleganz der Staubbewegung. Aber irgendwann kam der Punkt, an dem ich begriffen habe, dass diese ganzen Flöckchen beim Einatmen direkt in mir landen. Und dass der Staub auch aus Milbenkacke besteht. Die Folge war eine ein bisschen länger anhaltende Atemhemmung mit Hustenreiz und dem Bedürfnis, im staubfreien Raum zu leben, was aber nicht möglich war. Reinraum im Jugendzimmer, ein Widerspruch in sich. 
Bei graunieseligem Wetter ist Staubwischen kein Problem. Schon allein dafür brauche ich Regen.

Bitte sei so nett und schick mir eine fette Wolke mit Wasser drin. Wenn Du meinst, Du weißt nicht wie das geht, dann kannst Du eine direkte Anfrage an den amerikanischen Präsidenten richten. Dieser fantastische Mensch kann alles, weiß alles und hat alles im Griff. Der kann Dir diesbezüglich sicher helfen. Und wenn es nicht funktioniert, dann war das der Obama schuld.

Ich werde jetzt versuchen, meine Schlaflücke zu füllen, die durch penetrantes Piepen in der vergangenen Nacht entstand. Bei Nachbars ist der Rauchmelder eskaliert und es war keiner da, ihn abzuschalten. Gebrannt hat es nicht. Nur gepiept. Laut. Egal. 

Wenigstens hat sich der Dämon, den ich nach dem Genuss eines Horrorfilms vor meinem Fenster vermutete, weil es genau sein Geflüster aus dem Film war, als rauchender und telefonierender Nachbar auf dem Balkon (nachts um eins, Spacko!) herausgestellt. Nicht der mit dem Rauchmelder.

Vielleicht werde ich demnächst in der Presse auftauchen. Und die Nachbarn auch.
„And the silicon chip in her head gets switched to overload…“

Also bitte, Regen. Oder Beruhigungsdragees. 

Deine leicht zerrüttete Lavendel