Donnerstag, 19. November 2020

Weitere Vorschläge

Also, meine liebe Lavendel,

weitere Vorschläge:

+++GEH ZUM NOTAR UND LASS DIR DAS HAUS ÜBERSCHREIBEN+++

Im Zustand der Verliebtheit ist der Abspenstige zu allem bereit, um seinem Gefängnis zu entkommen. Bevor er wieder zu Verstand kommt oder die Brotspinne schwanger wird oder beides, musst du das in trockenen Tüchern haben. Denn sonst kommt das junge Glück auf die Idee, bei dir einzuziehen. 

Vergiss, dass er der Mann ist, dem du immer vertraut hast, der anständig ist, war und immer sein wird, mit dem du so schön über Bücher sprechen konntest... er kann nur zu einer Frau nett sein und die wirst nicht du sein. Wenn er dir bereits gütig einen besseren Küsser wünscht, dann ist höchste Zeit für einen guten Rechtsbeistand.

Sag ihm, du willst das Haus für die Kinder, damit sie ein Erbe haben, sie sollen nicht alles verlieren, etc. blabla. 

Ob die Brotspinne nun brav ihre Spirale bei sich behält oder nicht, wissen wir nicht und du solltest nicht darauf vertrauen, dass er ihr vertraut. Du musst Fakten schaffen. In diesem Tränenmeer muss ein Funken Selbsterhaltungswille erweckt werden, der dieses Problem lösen will. 

Das kann er belächeln, soviel er will. Und überhaupt, was gibt es da zu lächeln? Denkt er, er kann fummeln und vögeln, bis die Brotspinne seiner überdrüssig wird und dann kommt er wieder endgültig zurück zu dir, für die letzten Jahre, nach seinem letzten Abenteuer, um in Ruhe und weitestgehend unbehelligt seine Tage zu fristen und dir ab und an eine gute Stelle von Joachim Meyerhoff vorzulesen?

Meine Liebe, es tut mir leid, dass ich so insistiere und dir (momentan) keine Hoffnung mache - obgleich immer noch passieren kann, dass er nach einem Jahr wieder angetrottet kommt - aber vorher muss das mit dem Haus klar sein. 

Meine Schreibblockade thematisiere ich ein andermal. 

Sei mir gegrüßt, gedrückt und geherzt
Deine Annika

PS: Lass ruhig alles schön raus, es ist mir weder zu larmoyant noch zu traurig, außerdem bist die Meisterin im Beschreiben trauriger Umstände. Du bist besser als jede Hollywood-Schmonzette es je sein könnte. Das ist ein Talent und jetzt kannst du es ausleben. 

Kennst das wunderbare Buch von Nora Ephron, "Sodbrennen"? Verfilmt mit Jack Nicholson und Meryl Streep. Schau den Film, lies das Buch - dieselbe Gemengelage, nur dass dein Mann kein preisgekrönter Journalist ist.

Sonntag, 15. November 2020

Unterm Dach ein Ach. Du. Verdammte. Hacke.

 Liebe Annika,

um es auf den Punkt zu bringen: Wäre dieses ätzende Corona-Covid-Geschisse nicht, ich wäre längstens mit einer Freundin ausgegangen, um auf Teufel komm raus zu flirten. Ein Mann, der mich zum Knutschen aufforderte und mit dem ich in der Tat zwei bis sieben Zungenküsse austauschte, findet mich sehr sexy, vielleicht aber auch nur, weil er mit seiner Frau genauso lange keinen Sex hatte wie ich mit meinem Mann. Entschuldige, kann sein, es ist zu viel Information. Aber manchmal muss es eben raus. 

Über die Zungenküsse kann ich nur sagen, nein, sie waren nicht das, was ich mir erträumte. Falsche Zeit, falsche Situation, falsches was auch immer. Ich fühlte mich hinterher nicht satt. Es hatte etwas gänzlich Pubertäres. Kann sein, ich bin zu alt für dieses hektische Rumgemache. Kann sein, ich möchte es... nun ja, ...langsam? Mit viel Gefühl? Was weiß denn ich. Nein. Ich möchte es mit meinem Mann. Das habe ich ihm (also meinem Mann, nicht dem zum Knutschen) auch gesagt und von dem Geknutsche erzählt. Natürlich hoffte ich, ihn würde ein bisschen was daran piesacken. Aber ach, er wünscht mir, dass ich einen finde, mit dem es mir viel Freude bereitet. Ein veritabler Griff ins Klo, diese Angelegenheit. 

Ja, mitunter wächst mir hier die ganze Angelegenheit über den Kopf. Und der Tränen gibt es immer noch sehr viele. Die Verzweiflung steigt und fällt. Wieder und wieder. Manchmal durchflossen von aller Kraft einer verschmähten und betrogenen Ehefrau, getragen von einer Energie, die mich selbst erstaunt, kippe ich nur fünf Minuten später in den Modus des verzweifelten Matschhaufens, der sich nicht einmal allein die Nase putzen kann. Es ist zum verrückt werden. 

Übrigens habe ich festgestellt, dass das Leben anderer Menschen sich darstellt wie ein Springen von Stein zu Stein in einem klaren, quirligen Gebirgsbach. Mein Leben hingegen ähnelten einem Springen von Kackhaufen zu Kackhaufen. Dazwischen steht hin und wieder ein Trampolin, damit ich mehr Dynamik bekomme, bei meinem nächsten Sprung. Und wenn das die Wahrheit ist, dann wartet der nächste Haufen schon auf meine Punktlandung. 

Um mich auf alles vorzubereiten, stelle ich mir gern vor, was als nächstes passiert. Die Brotspinne wird trotz Spirale schwanger und will das Blag auf jeden Fall bekommen. Mit dreißig tickt nämlich die Uhr und sie möchte gern ihre Gene weitergeben. Der Mann ist ganz verschämt und druckst rum, bis er es mir endlich sagt. Und der kleine Bastard hätte dann die gleichen Erbansprüche wie meine Kinder. Ein kleines Ups auf die Verhütung, sage ich. Ich hatte diesbezüglich Verantwortung von ihm eingefordert. Aber er traut der Brotspinne und ihrer Spirale. Ich nicht. Und mein Leben freut sich auf den Sprung. 

Hast Du noch weitere Vorschläge, was als nächstes passieren kann? Nur, damit ich mich schon mal warmlaufen kann und nicht im entscheidenden Moment die Nerven verliere. 

Vermutlich wäre ein Besuch beim Notar wirklich am Besten. Ich hatte das auch schon angemerkt. Bin aber bisher damit eher belächelt worden. 

Was ist das eigentlich, mit den Männern? Haben die sie nicht mehr alle beieinander? Liegt es an der Sternenkonstellation? Am Wetter? Am Virus? Oder hat Trump, der olle Pussygrabber, seine Finger im Spiel (Ihgitt, Ihgittigitt) und die männliche Weltbevölkerung mit etwas weitaus Schlimmerem als dem Populismus infiziert? 

Ich will eigentlich auch gar nicht schweigsam sein. Denn im Grunde hätte ich im Augenblick sehr viel herauszulassen. Nur ist das alles immer so abgrundtief traurig bis hin zur Larmoyanz.  Ich bin mir nicht sicher, ob ich Dir das antun kann. Ich kann es ja nicht einmal mir selbst antun. Und es kommt mir mitunter der Gedanke, ich sollte das ganze Theater von mir aus beenden. Ihn vor die Tür setzen. Nicht mehr hinnehmen, dass er seine Zeit mit der Brotspinne verbringt, während ich hier weiter die Care-Arbeit an Kindern, in Haus und Garten und mit dem Hund leiste. Adiós compañero. 

Wie auch immer, ich habe:

- eine neue Armbanduhr

- zwei weitere Spitzenschlüppis

- eine enge Jeans

- neue Ohrringe

- zwei neue Strickjacken

- einige neue Bücher (nur lesen kann ich sie nicht, zu unkonzentriert...)

- eine neue Pfanne

- acht Tüten Chips (die ich nicht esse, Appetitlosigkeit sei Dank)

- ein neues Spitzenbustier

- und noch ein paar Kleingkeiten, nicht weiter erwähnenswert erscheinen.

Was tun wir jetzt? Also gegen die Schreibblockade? Ich überlege, ob ich mein Herzensleid in Romanform gepresst bekomme. Was bisher von Erfolglosigkeit gekrönt ist. Denn außer: "Aber es kann sein, dass es genauso ist. Dass es dich nicht interessiert, was mit der Frau des Mannes passiert, den du gerade vögelst. Und dass der Mann, den ich gerheiratet habe, einfach nur ein Arschloch ist. Dann habt ihr euch verdient!" zu schreiben und nicht abzuschicken, kriege ich nicht so viel zustande.

Was ist Deine Erklärung für Deine Blockade? 

Liebste Grüße, Deine Lavendel

P.S.: Ich bin erschütternd müde, die Buchstaben können hüpfen, vor meinen Triefaugen.

P.P.S.: Ja, statt Ritzen mach ich lieber Tattoos. Ritzen hab ich probiert, ist blöd.

P.P.P.S.: Ich könnte den ganzen Tag fluchen. Oder heulen. Oder fluchen. Oder heulen. Oder...


Unter jedem Dach ein Ach

 Liebes Lavendelchen,

dein Kummer macht dich schweigsam, das verstehe ich gut. Ich bin schon schweigsam allein wegen Corona und natürlich wegen meiner allgemeinen Schreibblockade, die ich aber schon zwei Jahre habe, anyway, das ist ein anderes Thema.

Jedenfalls wollte ich dir heute mal schreiben, dass du nicht allein bist. Ganz und gar nicht - so gut wie alle Männer meinen engeren und entfernteren Freundinnen und sogar die Kerle von Nachbarinnen und Kolleginnen, alle sind auf Abwege geraten. Das ist wie ein Virus, sage ich dir. Wahrscheinlich ein weiteres Indiz für Corona: Männer, die abhauen. Und da sind ein paar echt absurde Fälle drunter:

Da verlässt ein Mann seine Familie, der jahrelang unter schweren Depressionen gelitten hatte, um zu einer alten Schulfreundin aus Thüringen zu ziehen, die ihn - so hofft er - "Feuer untern Hintern" machen und "nicht so geduldig" wie seine Gemahlin sein wird. Rundum hoffen alle, dass die neue Beziehung solange halten wird, bis die Scheidung durch ist.

Ein anderer beweist Todesmut, denn seine Affaire flog auf, als seine Geliebte den gesamten Whatsapp-Chat der Ehefrau über Facebook zukommen ließ. Die darauffolgenden Treueschwüre und Trennung von der Geliebten hielt man für belastbar, war doch klar, dass er sich eine ausgesucht hatte, die vor nichts zurückschreckt. Keine sechs Monate sind vergangen und siehe da... Nächste Runde. Und nun muss die Ehefrau aussziehen. Kinder sind aus seiner ersten Ehe und Haus ist sein Elternhaus. So kann's kommen. 

Geh also schnell zum Notar und rette das Haus vor der Brotspinne. 

Allerliebste Grüße
Deine Annika

Sonntag, 1. November 2020

Die Geliebte - eine kleine Abhandlung

LiebeTwiggy,

vor ein paar Jahren war Reiner Brüderle auf einer Veranstaltung und ich auch. Es ging um Stuttgart 21. Er sagte selbstkritisch über die vielen Demos: "Wenn die Hausfrau wütend im Baum hängt, haben wir was falsch gemacht."

Das sollte sich der Abspenstige mal zu Herzen nehmen. Wenn Du in der Regenrinne hängst, hauchdünn in schwarz gewandet und frisch tätowiert, dann ist was schief gelaufen. Schweres Herzeleid verleitet zu aberwitzigen Kompensationshandlungen und auch wenn ich deine Therapeutin für bekloppt halte, dir suizidale Gedanken zu unterstellen, gebe ich ihr recht, dass derlei Turnübungen bis auf weiteres besser zu unterlassen sind. 

Hömma, das mit dem tätowieren, ist das sowas wie ritzen für Erwachsene? Das muss doch schweineweh tun. Oder erfüllst du dir damit einen Lebenstraum? Also, wenn du jetzt auf Schmerzen stehst, geh lieber reiten. Da tut dir hinterher ALLES weh. 

Wie sieht es denn aus an der Heimatfront? Ist er noch zugegen oder ist er hinfort, weil er "das jetzt leben muss"? 

Leider, meine Liebe, unter zwei Jahren kommt man aus so einem Super-GAU nicht raus. Bis dahin wird fleißig die Vergangenheit idealisiert, ach was sage ich, der ganze Mann wird zum Helden, auf den nicht verzichtet werden kann, ohne den das Leben keinen Sinn mehr macht, man fühlt sich halbiert und das tut mehr weh, als sich ein Tattoo stechen zu lassen. Wie ein waidwund geschossenes Reh schaut man in die Welt, man erweicht Steine, nur nicht das Gesponst, das sich vor deinem Kummer nur schnell in Sicherheit bringen muss, bei seiner Brotspinne, die dumm genug ist, sich ihr Glück auf dem Unglück einer zerbrochenen Familie aufzubauen gedenkt. 

Mir selbst machte mal ein verheirateter Mann Avancen, über Monate, völlig sinnlos, ich ließ mich auf nix ein, und der Höhepunkt war, dass er mir auf einer Silvesterparty ins Ohr raunte, ob ich jetzt, auf der Stelle, mit ihm gehen würde. Seine Frau und sein Kind waren auch anwesend. Ich schaute ihn entgeistert an und fragte, ob er noch ganz bei Trost sei und ob er ernsthaft seinem Kind und seiner Frau so einen Scheiß in die Vita schreiben möchte? 

Die Sache ist doch die: wenn dein Mann sich verliebt hätte und sofort gegangen wäre, ohne monatelang zu "testen", ob da was "Haltbares mit Zukunft" bei rumkommt, dann hätte er sogar meinen Respekt. Sowas passiert, man verliebt sich nicht, weil man jmd. damit weh tun will.

Aber monatelang lügen, tricksen, etc. - das ist doch wirklich nichts, womit sich die Beiden auszeichnen. Dumm genug von ihr, sich von Anfang an in die zweite Reihe zu stellen. Schön blöd. Und dann muss ihr doch klar sein: So wie der jetzt seine Frau bescheißt, um bei ihr zu sein... das wird er eines Tages auch mit ihr machen. Die sieht in ihre Zukunft. Sie weiß, wie er's regelt, was er erfindet. 

Bestell dir Blusen, Hosen, Schrankwände, meine Liebe.
Gekraxel in luftigen Höhen? Lass mal.  

Deine Annika aus dem Hotspot


Donnerstag, 29. Oktober 2020

The show is going on and on and on and...

Liebste Annika,

zwei Jahre? Ist das Dein Ernst? Zwei Jahre? Bis dahin bin ich entweder verhungert oder in den Tod gestürzt! Gut, das klingt jetzt dramatischer als ich das eigentlich wollte. Lass es mich erklären. 

Verhungert, weil Liebeskummer mich wirklich schlank macht. In den vergangenen Wochen hat sich meine Kleidergröße stetig bewegt. Und als ich mir, nachdem ich zwecks meines Morticiadaseinsplans eine schwarze Bluse in 42 bestellte und mich dabei extrem mutig fand, gleich noch eine in 40 bestellen und die 42 zurückschicken musste, wurde mir klar, ich bin aus der Größe L herausgeschrumpft. Die 40 passte auch nicht. Aber ich hatte erst einmal keine Lust auf weitere Versuche, eine schwarze Bluse zu bekommen. Denn ich hatte andere Notwendigkeiten zu bewältigen.

In einem Anfall von Traurigkeit füllte ich nämlich kürzlich die Waschmaschine. Meine tränenumflorten Augen schauten in die Vergangenheit (natürlich angefüllt mit unfassbar viel Glück- verlogenes Miststück, die Vergangenheit) oder wahlweise in die Zukunft (angefüllt mit unfassbar viel Unglück und Verlassenheit- noch so ein Lügenbold) und nicht auf den gottverdammten Wäschekorb. Ich stopfte alles in die Maschine, 40 Grad Buntwäsche. Und als ich später die Wäsche aufhängte, traf mich fast der Schlag. Meine wunderbare schwarze Wolljacke, echte Wolle, kein Polyester, kein Acryl, Haare vom Schaf, gesponnen und gestrickt, kam als kleiner, harter Kittel aus der Trommel. Ich erlitt einen veritablen Zusammenbruch auf dem Betonboden der Waschküche. 

Und darum musste ich mir, statt einer Bluse, eine neue schwarze Jacke besorgen. 

Die passte einigermaßen in 40. Kurz darauf fand ich eine attraktive Bluse. Sie passt in 38. Gut, sie spackt ein bisschen unter dem Arm. Aber ich habe ja jetzt die Gewissheit, in den nächsten 20 Monaten tut sich noch was, bevor ich wieder dick und glücklich werde. 

Und in den Tod stürzen werde ich nur, wenn ich nächstes Jahr wieder die Regenrinne eigenhändig reinigen werde. Das hat mir übrigens einen hübschen Muskelkater verursacht, weil ich mich heftig am Dach festhalten wollte. Zwischenzeitlich rief ich den mittleren Sohn zur Hilfe, der sich erst einmal bog vor Lachen, als ich auf der Dachkante des Anbaus saß und ihn fragte, ob er die Nummer der Feuerwehr auswendig wüsste. Nur für den Fall. Welchen Fall, wollte er wissen. Den Fall, dass ich nicht mehr allein herunterkomme, vom Dach. Er nahm dann den Eimer mit Regenrinnenschmand entgegen und hielt die Leiter ruhig, so kletterte ich, grazil wie ein kleines Äffchen, wieder herunter, nur um mich sogleich den Regenrinnen am vorderen Teil des Hauses zu nähern. Da einige Spaziergänger am Haus vorbeikamen, tat ich extrem lässig. Unter Zuhilfenahme eines alten Hockeyschlägers entleerte ich die Rinne bis ganz ins Eck. Und die Rinnen der Nachbarin gleich mit. Das bot sich an, sonst wäre ihr Schmodder beim nächsten Regen gleich wieder zu mir herüber geschwappt. Jetzt habe ich den Titel "Beste Nachbarin". Das freut mich. 

Als ich meiner Therapeutin davon berichtete, dass ich sehr wohl allein leben und alles selber machen könnte und darum auch aufs Dach steigen und drei Jahre angesammelten Dreck aus der Regenrinne holen könnte, fragte sie mich nach Suizidgedanken (ich springe doch nicht vom Dach! Ich bin doch nicht irre, das ist hoch und man tut sich weh). 

Jetzt soll ich nicht mehr aufs Dach, erst einmal. Aber nächstes Jahr müsste ich. Eigentlich. Vielleicht lasse ich das. Vielleicht warte ich doch 20 Monate, bevor ich solche Dinge wieder wage. 

Übrigens wird Gereon heute Abend ziemlich eine auf den Sack bekommen haben. Wer ist Gereon, fragst Du jetzt. Gereon ist der Typ, der heute Mittag in der Drogerie zwei Packungen Klopapier in den Einkaufswagen gelegt hat. Und seine weibliche Begleitung (ich kann im Augenblick diese Beschreibungen von Beziehungskategorien und deren Fachtermini nicht herausbringen, sonst kommt mir das kleine Portiönchen Abendessen hoch) fuhr ihn an: "Gereon, lass das bitte.". Aber Gereon brummelte: "Man weiß ja nie...!" und sie zischte ihn an: "Leg das sofort zurück, der Keller ist voll.", wobei er sich nicht beirren ließ: "Ich nehm das mit!".

Ich bin sicher, das letzte Wort war da noch nicht gefallen. Und in meinem Kopf breitet sich ein Potpourri an Möglichkeiten aus, wie die beiden ihren Abend gemeinsam verbracht haben werden. Ja, manches garniere ich mit Blut. Viel Blut. Und es ist nicht ihres. 

Ich werde jetzt in meine Kissen sinken, weiter atmen und dabei Knight Rider schauen. Denn zu mehr bin ich intellektuell nicht im Stande. 


Immer die Deine, bei jedem Kummer.

Morticia-Juliette Lavendel

P.S.: Ich habe meine Fingernägel wieder ablackiert. Manches geht einfach nicht, egal wie groß das Unglück ist.

P.P.S.: Ich habe jetzt zwei Tattoos. Wenn das so weitergeht, werde ich sehr bunt sein, in 2 Jahren.

Samstag, 17. Oktober 2020

Morticia - why not?

 Liebes Lavendelchen,

ich schwöre dir, es wird besser. Und zwar in zwei Jahren (ab der endgültigen Trennung - sollte es wirklich darauf hinauslaufen). 

In zwei Jahren wird er morgens nicht mehr der erste und abends nicht mehr der letzte Gedanke sein. Du wirst immer öfter denken, dass es ganz gut ist, wie es so gekommen ist. Womöglich findest du es sogar erstaunlich, dass es überhaupt so lange gehalten hat. Und vielleicht denkst du, dass du dir das nie verzeihen wirst: so lange ausgeharrt zu haben. 

Solltest du Letzeres mal in meiner Gegenwart fallen lassen, werde ich schimpfen, da es weder etwas zu beklagen noch zu verzeihen gibt. Weil jeder Mensch in jeder Situation immer genau von dem das Beste macht, was er für das Beste hält. 

Du kannst noch für den Rest deines Lebens eine nihilistische Morticia Addams werden (die ich übrigens grandios als Role Model finde und Angelica Huston sah spektakulär aus), aber in den ersten 30 Jahren deiner Beziehung warst du eben genau die Mutter, Ehefrau, Hundesitterin und Gärtnerin, die es gebraucht hat und die du im besten Fall ja sogar sein wolltest. Daran ist rein gar nichts falsch. Und vielleicht bleibst du das auch noch für die nächsten 30 Jahre. 

Die Messen sind noch lange nicht gelesen, weil:

  1. Die Brotspinne hat sich einen Sugar-Daddy mit drei Kindern und einer quicklebendigen Ehefrau gesucht. Da wünsche ich viel Spaß und ihren Redebedarf kann ich mir lebhaft vorstellen. 
  2. Hätte er sich eine Frau in seinem Alter gesucht, wäre ich viel beunruhigter; da läge die Gefahr von Liebe in der Luft. In seinem Fall gehe ich von Pfirsichhaut-Anbetung aus. 

Ich finde gut, dass du den Garten umgräbst, neue Schlüpfer kaufst, die Nägel lackierst und die Haare nicht rot färbst (Haselnuss ist ein schöner warmer Ton). Du kannst aber auch einfach ein paar Wochen einfach liegen bleiben und nichts tun, außer heulen. Alles ist erlaubt in diesen Tagen; du gehst vor.

Übrigens: dass der Ruchlose dir erst nach der Kur Geständnisse macht, finde ich fast das Schlimmste. Wie gut hättest du jetzt eine sechswöchige Auszeit gebrauchen können!

Froh bin ich, dass das saufen auch für dich nix ist. Schwester im Geiste: auch ich war nur einmal besoffen, mit 16, auf der Klassenfahrt nach Amberg. Manchmal wünschte ich mir, ich könnte saufen; will sagen: mein Kreislauf würde das vertragen. Aber dann hätte der Suff mich schon dahingerafft, das weiß ich. Sämtliche Eierlikörvorräte in Deutschland hätte ich verputzt. Aber das ist ein anderes Thema.

Und nun: welche ist wohl attraktiver? Hm?

 Psychology of Inspirational Women: Morticia Addams | The Mary Sue RUNNER'S WORLD

Halte durch. Atme einfach weiter. 

Deine Annika

Donnerstag, 15. Oktober 2020

Heartbreak Hotel

 Liebste Annika, 

Wie gut mir Deine Worte taten. Es ist so schön, wenn es jemand für mich übernimmt, die beiden Liebeskummerproduzenten ein bisschen zu schmähen. Weil ich das nicht so gut hinbekomme, im Moment. Einfach zu traurig, weißt Du? Betreutes Weinen wäre gar nicht mal so verkehrt. Im Moment kämpfe ich noch. 

Ich weiß zwar nicht so genau, um was ich hier kämpfe, aber ich kämpfe. Seit gestern führe ich sogar meine Fingernägel in die Schlacht. Lackiert in tiefdunklem rotviolett. Eigentlich wollte ich schwarzen Lack nehmen, die Nägel abkauen wie in meiner Kindheit und dann mit ruinierten, abgestoßenen, abgeknabberten schurreschwarzen Nägeln auf mein Elend aufmerksam machen. Aber der tiefdunkel rotviolettfarbene Lack sieht einfach unerhört fesch aus, vor allem, wenn die Nägel etwas länger sind, weswegen ich sie jetzt zum ersten Mal nach der langen Nägelkurzzeit (Mutti hat die Nägel kurz wegen praktisch) wachsen lasse. Damit wirkt meine Hand sehr elegant. 

Und ich sage Dir, eine Kippe würde mich sehr kleiden. Aber schon der Geruch hindert mich daran, mir eine anzuzünden. Manchmal zieht nämlich vom gegenüber liegenden Balkon eine Rauchwolke in meine Kemenate und das ekelt mich. Auf jenem Balkon wird gern geraucht. Der Mann aus der Wohnung im ersten Stock raucht zu jeder Tages- und Nachtzeit auf dem Balkon herum. Bis vor wenigen Wochen leistete ihm dabei seine Frau Gesellschaft. Die ist weg. Und die Klatsch- und Tratschkette förderte zutage, dass sie ihn verlassen hat, weil er zuviel Alkohol und andere Substanzen, unter anderem auch Rauchwaren, konsumierte, was seine Zeugungsfähigkeit auf 10 % Spermienaktivität hinunterschraubte, weshalb er der Holden kein Kind machen konnte, was sie ihm in ihrem ausgeprägten Kinderwunsch sehr übel nahm. 

Ja, andere Leute haben es auch nicht leicht. Und so schaue ich aus meinem Fenster auf seinen Balkon hinunter und fühle mit, wenn ich nicht gerade damit beschäftigt bin, mich zu schlecht zu fühlen, um noch mit irgendwem anders mitfühlen zu können. 

Und mein Haar bleibt dran. Aber ich lasse mir mal zeigen, was ich mit meinem Haar alles anstellen kann. Kurz war ich versucht, es rot zu färben. Nur erinnerte ich mich an meine Mutter, die in den Fuffzigern auch das Haar rot trug und schon war der Plan in der Kanalisation. Dann liebäugelte ich mit schwarz (übrigens alles schon da gewesen, in meinen frühen Zwanzigern), erinnerte mich an die harten Kontraste zu meiner Haut und eigentlich möchte ich zwar nihilistisch aber nicht wie Morticia A. Addams (geborene Frump) aussehen. Darum bleibt mein Haar, wie es ist, dunkelblond oder hellbraun oder köterig, mit aparten grauen und fast weißen Strähnen. Und mehr als schulterlang. Es lässt sich hübsch hochdrapieren, seitlich eindrehen, messiknödeln. Glück hat, wer eine Tochter mit Leidenschaft für Frisurentutorials hat. 

Weißt Du, jeden Morgen werde ich wach und denke, ich kann nicht aufstehen. Ich muss jetzt für immer liegen bleiben und dabei verdursten und verhungern und dann hat das Elend ein Ende. Und dann fällt mir ein, ich muss noch mit dem Hund raus (jetzt habe ich leider Angstanfälle, wenn mir im Wald blonde Hunde begegnen, danke dafür, du beschissener Scheißbeißhund!), ich muss noch zur Arbeit, ich muss noch Sport mit einer 91 Jahre alten Dame machen, die es zutiefst bedauert, wegen Corona nicht mehr Tennis spielen zu können und darum mit mir Gymnastik macht, ich habe keine Zeit, liegen zu bleiben. Dann quäle ich mich aus dem Bett und setze einen Fuß vor den anderen, putze meine Zähne, wurschtel mein Haar zusammen und dann arbeite ich eins nach dem anderen ab. Immer kurz davor, mich wieder hinzulegen. Aber dann doch nicht. 

Und wenn es sehr arg ist, dann werde ich extrem lyrisch, schreibe traurige Gedichte in mein trauriges Notizbuch, das ich im Moment stets bei mir trage, falls ich etwas Trauriges notieren möchte.


Und dieses ganze Geschwurbel der Gefühle, dieses Geschisse des Herzens, diese gottverfluchte, elende Ehe- und Beziehungsscheißkrise hat gestern dazu geführt, dass ich mir drei Gläser Weißwein reingeschüttet habe. Ich. Die nie trinkt. Die ein einziges Mal in ihrem Leben, und zwar mit 16, betrunken war. Drei Gläser Weißwein. Muss ich mehr erklären? Es war eine Erfahrung. Und sie wird sich frühestens in 35 Jahren wiederholen. Da bin ich 86, der Mann, den ich geheiratet hatte, dürfte der statistischen Wahrscheinlichkeit und seines Blutdrucks nach bereits den Löffel abgegeben haben und ich hocke fein im Sessel und gönne mir noch einmal einen Rausch. Dann ist nämlich eh alles wurscht. 

Oder mein Löffel wurde auch schon weitergereicht. 

Auf jeden Fall ist Saufen nicht mein Metier.

Kannst Du mir bitte schwören, dass ich irgendwann nicht mehr so traurig bin? Dass auch aus meinem Hintern irgendwann wieder die Sonne scheint? Schwöre es mir. So, dass ich es glaube. Ich flehe Dich an.

Deine Juliette


Dienstag, 13. Oktober 2020

Lavendel is back

Meine liebe Lavendel,

eine Pandemie reicht dir also nicht? Dir muss auch noch das Ehegesponst übel mitspielen und selbst ein Hundebiss bleibt dir nicht erspart und diesen von einer Rasse, die allgemein als die Mahatma Gandhis unter den Tölen gelten? 

Das ist ein bissel heftig für ein Jahr und da nützt es wenig, dass du jetzt als Juliette-Greco-look-a-like durch den Wald mäanderst. Obwohl das ganz bestimmt traumschön aussieht. Ich hoffe nur, dass du dir nicht deine langen Haare abgesäbelt hast, wie das zwangsläufig bei verlassenen bzw. von Trennung bedrohten bzw. zur Trennung entschlossenen Frauen passiert.

Ach ja, das Leid steht den Frauen meistens sehr gut; jedenfalls wenn eine andere Frau ins Spiel kommt und wenn man der Meinung anhängt, eine abgemagerte Frau sei viel schöner als eine hübsch Gerundete. Aber ich versteh das, einmal noch die Hüftknochen mit eigenen Augen sehen, anstatt sie zu ertasten - das ist schon einen Dujardin wert.

Was ich überaus gütig finde, dass du dem Abspenstigen gestattest, seine Zwangsquarantäne bei dir abzusitzen und dich und eure Leibesfrüchte womöglich auch in Gefahr zu bringen. Soll er doch seine Brotspinne (=jede Frau braucht einen Arbeitstitel) gefährden; zumal die nicht mal in die Risikogruppe gehört, wenn ich dich recht verstanden habe. Paaah, und dann zwei Wochen 24/7 aufeinandergehuckt, da wünscht er sich am Ende nur noch weg, die hat doch bestimmt ganz andere Lebensinhalte.

Aber nun sitzt er also bei dir die schlimme Zeit ab, um hernach frischgestärkt und negativ gestestet zurück ins Land der Abenteuer zu entschwinden? Fürwahr nichts für entzündete Nerven.

Komm nach Berlin. Falls du noch darfst. Fuck the virus. Ich hole den Leihhund und wir latschen gemeinsam durch den Wald. Aufgrund deines existenzialistischen Aussehens werden wir die Kerle mit der Kalaschnikow von dir fernhalten müssen. Ach... was rede ich da nur? Lavendelchen, es ist schlimm und bevor es wieder besser wird, wird es wahrscheinlich noch ein bisschen schlimmer. Du kannst auch einfach kommen und in die Kissen heulen. Betreutes Weinen halt. 

Rauchen? Nimm lieber die Möhrchen. Aber du bist schon groß, Juliette. Mach alles, was du willst. 

Immer deine Annika

 

Samstag, 10. Oktober 2020

Herz kaputt

 Liebe Annika,

es tut mir leid, dass ich abgetaucht war, verschwunden in den Tiefen des Unglücks. Mein Herz wurde und wird gebrochen, im 10 Minuten Rhythmus. Der Mann, mit dem ich seit über 30 Jahren gemeinsam unser Leben verwurste, hat mir einiges gestehen müssen und seitdem bin ich nicht mehr ganz ich selbst. 

Als Therapie habe ich jeden Menge Gartenarbeit erledigt, mir über mein altes Tattoo (Was ist das? Ein Hühnerembryo?) ein Cover stechen lassen und renne täglich wie bekloppt durch den Wald, um meiner Verzweiflung Herr zu werden. 

Am Mittwoch lief ich auch wieder. Mein Hund ist sehr irritiert von meinem Verhalten, das nun schon wochenlang anhält. Nicht einmal in Ruhe durch den Wald trödeln zu können, um hier und da und dort zu schnüffeln, hält sie für eine Zumutung. Aber ich muss mich bewegen und möchte, dass mein elendes kleines Herz sich die 130 Schläge in der Minute verdient und nicht denkt, 130 Schläge in der Minute auf der Couch wären in Ordnung. 

So auch am Mittwoch. Ich lief die ganz große Runde und schnaufte und schwitzte, war aber zufrieden damit und mein Herz auch. Kurz vor Ende der Runde sah ich den Hund, der meinen Hund nicht leiden kann. So eine Hundeblondine mit schlechtem Benehmen. War unterwegs mit ihrem Besitzer. Ich runzelte prophylaktisch die Stirn und erwartete das Gekläffe. Da der Tuppes sie an der Leine hatte, ich die meine ebenfalls, erwartete ich nichts weiter als das Bellen und Knurren und ging zügigen Schrittes weiter. In der Tat sprang die Blonde in die Leine und tat, als würde sie gegen Godzilla antreten wollen. Mein Hund tat es mir gleich, wir gingen schnellen Schrittes weiter und an den zwei Hirselhubern vorbei. Ich wollte schon aufatmen, da nahm das Vieh Anlauf, sprang noch einmal mit aller Kraft in die Leine, der Mann gab etwas nach und schon hatte ich die Bestie am Bein hängen. Ein harter Schmerz durchfuhr mich und ich fing an zu schreien. Ich schlug nach dem Hund, der ließ mich dann auch aus seinen Zähnen, aber ich merkte gleich, das war eine echte Scheißaktion. Unter Tränen schrie ich weiter: "Was hat denn Ihr Scheißhund für ein Problem?" und der Mann sagte leise und verwirrt: "Ich weiß es doch auch nicht. Es tut mir so leid." 

Ich versuchte, mein Hosenbein hochzukrempeln, das war aber nur ein Stück weit möglich, weil ich seit Neuestem wieder meine alten Jeans tragen kann, von vor zehn Jahren, denn durch deutliche Gewichtsreduktion und meinem neu entwickelten Hang zum Nihilsmus, dem Tragen von schwarzer Bekleidung, dem Schreiben von sehr traurigen Gedichten, dem Kauf von Lippenstift und schwarzem Kajal, wobei ich beides eher selten benutze, drücke ich mein Unglück aus. Und sehe sehr gut dabei aus. Sagen die Leute um mich herum. Nachbarn halten auf der Straße, kurbeln ihr Autofenster herunter und rufen: "Haste abgenommen? Steht dir!!".

Egal. Wo war ich? Ah ja. Hundebiss. Die Jeans ließ sich nur bis knapp zum Biss hochzuschieben, um es genauer zu betrachten, hätte ich wohl die Hosen runterlassen müssen. Was kein Problem gewesen wäre, da ich seit Kurzem phantastische Unterwäsche trage. Die alten Baumwollschlüppis liegen traurig und allein ganz hinten in der Wäscheschublade, vorn liegt jetzt einiges, was sich sehr geschmeidig anfühlt, sehr fesch meine Pobacken betont und hin und wieder dazwischen rutscht, aber mir ein Gefühl von... nunja, wie soll ich es beschreiben, vielleicht... Attraktivität und Coolness gibt. Ich hätte also ohne weiteres meine Unterwäsche, meine rasierten Beine, sogar mein getrimmte Bikinizone zeigen können. Aber doch nicht dem Typen. Im Herbst. Bei Nieselregen. Im Wald. Also wirklich. 

Ich winkte ab, sagte, ich würde mich melden und humpelte weinend nach Hause. Dort weinte ich weiter und setzte mich auf die Treppe. Von oben rief, wie so oft in letzter Zeit, meine Tochter: "Du weinst ja, soll ich Dich trösten?" und ich rief: "Ja! Ein Hund hat mich gebissen." und schon kam sie angelaufen. Ich pellte mich aus der Hose und was da zum Vorschein kam, verschlug mir echt die Sprache. Die Bestie hatte mir eine ordentliche Wunde ins Bein gebissen. 

Von dem Weinen und Trösten und den erschrockenen Ausrufen aufgescheucht kam auch der Vater der Tochter in den Flur gestürzt, betrachtete das Gesamtbild mit medizinisch versiertem Blick und befand, ich müsse sofort und umgehend einen Arzt aufsuchen. Seine Zuwendung ließ mich noch ein bisschen mehr weinen und leiden und ich wollte nicht zum Arzt, musste aber zugeben, dass es vermutlich besser war. 

Ich rief in der Hausarztpraxis an. Aber Mittwochnachmittag ist da keiner. Ich zog mir eine meiner schlabberigen Hosen an, die ich bis vor kurzem täglich trug, als ich noch nicht existenzialistisch-nihilistisch unterwegs war, humpelte ins Auto und fuhr mich ins Krankenhaus. Warum ich mich selbst fuhr? Nun. Der Mann befindet sich in staatlich verordneter Quarantäne, weil er auf der Arbeit Kontakt zu einem coronapositiven Menschen hatte. Länger. Und dem in der Nase gepopelt hat. Somit kann er 14 Tage das Haus nicht verlassen, sonst kann das 15.000 Euro kosten und die haben wir nicht. Und die Tochter wollte sich mit ihrem Freund treffen. Sie wollte das absagen, um mich zu fahren. Aber ich wollte lieber allein fahren. 

Im Krankenhaus wurde ich dann erstmal durch die Coronaroutine geschoben, kam aber sehr schnell in einen Behandlungsraum und ehe ich noch "Achja" sagen konnte, steckte mir die Tetanusimpfung im Arm und eine Ärztin am Schenkel, die mir erklärte, Hundebisse seien eine miese Sache, da müsse man aufschneiden und bluten lassen, um die Keime rauszuspülen und alles andere abkratzen, und Betäuben ginge nicht, weil man auf keinen Fall Keime in tieferes Gewebe verbringen wolle. So arbeitete sie sich an meinem Oberschenkel mit dem Skalpell ab, während ich leise Lieder sang, weil ich damit Schmerz am besten ertragen kann, was ich erst kürzlich beim Tattoostechen herausgefunden hatte. Danach gab es noch einen hübschen Betaisodona-Verband und schon durfte ich wieder abhumpeln. 

Seitdem schlucke ich 2x täglich backsteingroße Tabletten, um Bakterien zu vernichten und schaue unter den Verband, ob alles ruhig ist. Was so ist. Keine starke Rötung, kein Eiter. 

Wie es jetzt weitergeht, möchtest Du wissen? Mein Mantra im Moment: "Ich hab doch keine Ahnung." Ich werde die Hundebesitzer nicht anzeigen. Ich habe mich mit der Hundebesitzerin geeinigt, dass wir das untereinander regeln und ich ihr eine Rechnung schreibe. Und beim Mann? "Ich habe doch keine Ahnung." und abwarten. 

Du siehst, mein Leben kann man sich nicht ausdenken. Wirkt irgendwie unglaubwürdig. Aber wenn jetzt noch Corona ins Haus kommt, dann kündige ich. 

Liebste Grüße,

Deine Lavendel

P.S.: Der selbe Hund hat vor 2 Jahren den treulosen Ehemann ins Bein gebissen. War aber nur halb so schlimm. Was sagt uns das? Vielleicht kann der uns nicht leiden, weil wir dem fies riechen. 

P.P.S.: Geht nihilistisch sein auch ohne zu rauchen? Oder muss ich damit wieder anfangen?


Sonntag, 16. August 2020

# Pool gesucht


Liebes Pustgenie,

ich habe natürlich gleich getestet, wie lange ich die Luft anhalten kann: 16 Sekunden waren das Äußerste. Aber ich bin ja auch Anfängerin. Für eine Änfängerin war das auch ein gutes Ergebnis, no doubt about. Man könnte da eine Tschällänsch draus machen, was meinst du? 

Und das hier: "...nach dem Genuss eines Tiramisu mit ordentlich Wumms, eine Ruhepause auf einer Promenadenbank einlegen. Der Kreislauf, weißt Du. Tiramisu, dazu einen Espresso, 35 Grad und kein Windchen nach einer einstündigen Fahrt auf hoher See..." soll euch doch überhaupt erst mal eine/r nachmachen! Das ist ja übermenschlich gewesen, wer denkt sich denn so eine Freizeitgestaltung aus? Kein Wunder, dass ihr euch alle in der Kur kennengelernt habt. Wahrscheinlich betreibt ihr nicht zum ersten Mal derartigen Raubbau an euren Ressourcen. Lavendelchen, das muss aufhören. Du sollst mich doch später im Alter pflegen. 

Naja, ob wir so alt werden steht in den Sternen. Ich gebe dir Recht: die Hitze ist die Hölle. Weißt du, wegen Corona gehe ich nicht ins Freibad wie sonst all die Jahre. Ich fahre an einen leicht außerhalb liegenden See. Da ist zwar das Baden verboten, weil denen ist jetzt aufgefallen, dass dort ein Büdchen und ein Pixie Klo steht und deshalb ist das eine offizielle Badestelle und deshalb muss da ein Bademeister vorf Ort sein, aber es gibt keine Bademeister mehr auf dem freien Arbeitsmarkt und deshalb ist das schwimmen dort jetzt verboten. 

Niemand hält sich dran (was mir ein bissel Glauben an die Menschheit gibt), trotz des Flatterbands werden fleißig Babies in die Pipi-Zone gehalten und ich stelle mich da allabandlich bis zum Hals ins Wasser und kühle runter (denn für kein Geld der Welt schwimme ich auf einen See hinaus) - so weit ist es mit mir gekommen. Stehen in der Pipi-Zone. 

Alles wegen dieser Hitze. Und wegen meiner Schwachsinnsentscheidung vor zig Jahren, bei der Badrenovierung zu sagen, ich brauche keine Wanne. So ein Blödsinn!!!! Da würde ich mich heutzutage morgens und abends in kaltes Wasser legen, herrlich wäre das, aber nein, Madame hatte ja keine Ahnung von diesen Sommern, die uns blühen, naja, egal, nix zu machen, stehe ich halt im See. 

Oder gibt es hier irgendjemanden mit Swimmingpool, der/die sich gerne mit mir befreunden möchte, irl? Ich bin ortsungebunden. Foto erwünscht (vom Pool)

Liebe Lavendel, ich habe mir sagen lassen, am Dienstag soll es regnen. Hoffen wir das Beste. 

Deine Annika 


PS: Im Netz gefunden: Wann wird's mal wieder schlechter Sommer?

Wir brauchten früher eine große Reise
Wir wurden braun ganz weit weg am Strand
Doch heute sind die Blassen nur noch Weise.
Denn hier wird man ja doch nur stark verbrannt.
Ja früher war’n wir noch von Hitze frei.
Das Freibad war noch leer im Mai.
Ich saß in Decken vor unserem Haus.
Faktor 5 reichte gegen Sonnenbrand
Nur kalte Quallen an dem Strand, kein Eis
Und niemand zog die Jacke aus.

Wann wird’s mal wieder schlechter Sommer
Ein Sommer, wie er früher einmal war?
Ja, mit Wolkendecke von Juni bis September
Und nicht so heiss und spanisch
Wie in diesem Jahr.

Und was wir da für Kältewellen hatten
Bikinifabriken gingen ein.
Da gab es bis zu 4 Grad im Schatten
Wir mussten mit der Heizung sparsam sein
Der Regen knallte ins Gesicht
Da brauchte man die Dusche nicht
Ein Dummkopf, wer die Beine trotzdem schor
Es war hier wie in Kanada
Niemand machte FKK
Doch heut, heut summen alle Menschen laut im Chor

Refrain

Auch der Winter war der Reinfall des Jahrhunderts
Erst zu warm, dann doch noch Schnee
Mein Postbote sagt: Das Klima hier wen wunderts,
Denn Schuld daran ist nur die AfD
Ich find das geht ein bisschen weit
Doch bald ist wieder Bürozeit
Und wer von uns denkt da nicht dauernd dran
Trotz allem glaub ich unbeirrt
Dass unser Wetter schlechter wird
Nur wann, und diese Frage geht uns alle an!


Dienstag, 11. August 2020

Heiße Tests

Meine liebste Annika,

ich lautmale einige Uffs und Achs für Dich, die Du eine Fahrt im Schlafwagen überstanden hast. Ein bisschen kannst Du Dich glücklich schätzen, ist Dir doch eine veritable Übelkeit durch dieses Wagongeschuckel in der Nacht ohne gescheiten Blick auf einen Horizont erspart geblieben.

Als ich Anno Dunnemals einmal mit dem Nachtzug nach Bozen reiste, um dann in Südtirol auf zwei Brettern einen Berg herunterzuwedeln, wurde mir hinter Ulm ziemlich kötzelig. Mein Hirn und mein Ohr haben massive Kommunikationsprobleme, wenn der Untergrund schwankt und ich nicht selbst fahre. Im Tauziehen um die Herrschaft verleiten sie den Magen zum gehaltvollen Aufschwulken. Weißte bescheid.

Aber generell ist so eine Nachtfahrt im Zug auf jeden Fall ein Abenteuer. Und Du hast es doch bravourös gemeistert. Und dann zur Belohnung Wien. Wien. Ich war das letzte und einzige Mal da vor 27 Jahren, mit meiner Tante. Wir haben das Phantom der Oper geschaut. Und sind am nächsten Tag ein bisschen durch Wien gelaufen. Leider hatte ich schlimme Kopfschmerzen. Aber es war nicht heiß. Vor 27 Jahren, da waren die Sommer noch richtige Sommer. Kühl und manchmal regnerisch. Herrlich war das. 

Heute ist der Sommer ja eine endlose Reihe von Hitzewellen. Und da hört der Spaß einfach auf. 

Gestern zum Beispiel, bin ich mit drei Damen, die ich während meiner Reha im März kennenlernen durfte, mit einem Boot über den Rhein geschippert. Innere und äußere Hitzewellen machten uns fertig und in Königswinter musste eine von uns, nach dem Genuss eines Tiramisu mit ordentlich Wumms, eine Ruhepause auf einer Promenadenbank einlegen. Der Kreislauf, weißt Du. Tiramisu, dazu einen Espresso, 35 Grad und kein Windchen nach einer einstündigen Fahrt auf hoher See, da braucht es schon eine gehörige Stabilität, um nicht in die Knie zu gehen. Und ihr hat es eben selbige aufgeweicht. 

Um es auf den Punkt zu bringen: Scheißhitze. 

Und schon wieder diese Sorge, dass irgendein Penner im Wald eine abgerauchte Kippe wegschnickt. Sag mir nicht, die Leute sind doch nicht doof. Die sind doof. Saudoof. Immerhin finde ich jeden Tag mindestens eine ausgetretene Kippe auf dem Waldboden. Und die werden nicht vom Oberwildschwein als Deko platziert. Zum Glück gewittert es heute Abend ein bisschen, so dass es den Wald zumindest leicht anfeuchtet. 

Ich hatte übrigens kein Tiramisu. Ich hatte eine Eisschokolade. Mit Sahne. Es war große Klasse. Und hat gleich einen erneuten Speckring auf meine Hüfte gelegt. War ich noch vor Kurzem erfreut, in der Coronazeit nicht zugenommen zu haben, sammle ich jetzt wieder für schlechte Zeiten einiges an Reserven. Wie so ein Vorgel, der sich für den Winter fettfrisst. 

Überhaupt, im Moment bin ich unzufrieden mit meinem Körper. Abgesehen davon, dass ich eine klimakterische Matrone werde, nervt auch hin und wieder der Bauch. Auf der Suche nach den Ursachen musste ich kürzlich einen Test absolvieren. 
Was soll ich sagen. Ich habe diesen Test so gut gemacht, ich glaube sogar, niemand hat bisher diesen Test so gut geschafft. Ich war einfach phantastisch. Es war erstaunlich. Die MTA war so sehr von mir beeindruckt, wie gut ich diesen Test gemacht habe. Sie sagte: „Sehr gut.“

Und ich glaube, sie sagt das nicht zu vielen, denn nicht viele können diesen Test so gut absolvieren wie ich. Ich war großartig. 

Ich musste für diesen Test einen Viertelliter Zuckerwasser trinken. Das habe ich auf einen Schwung weggeschluckt. Andere müssen absetzten. Ich nicht. Angesetzt, reingekippt, phantastisch. Kein mal abgesetzt. Die anderen können das so nicht.

Und dann musste ich alle 30 Minuten zu der MTA gehen. Ich habe nicht einen Termin verpasst. 4 Mal musste ich nach 30 Minuten zu ihr gehen und ich kam immer genau im richtigen Moment. Sie fand das absolut erstaunlich. Andere kommen schon 5 Minuten zu früh oder 10 Minuten zu spät. Ich war immer auf die Sekunde nach 30 Minuten bei ihr. Keiner musste mir sagen, wann und wie das geht. Ich konnte es einfach. Unfassbar. 

Die MTA sagte dann, ich soll die Luft anhalten. 20 Sekunden musste ich die Luft anhalten. Wenn Dir jemand sagt, halte 20 Sekunden die Luft an, und dann hältst Du 20 Sekunden die Luft an, und wenn Du das dann schaffst, dann zeigt das, wie unglaublich gut Du bist. Konzentriert, erfolgreich, großartig.

Dann sollst Du nicht einfach ausatmen. Nein. Du musst in ein Plastikrohr an einem sehr komplizierten und phantastischen Gerät pusten. Kräftig pusten. Ich pustete so kräftig, niemand hatte bisher so in das Rohr gepustet, wie ich in dieses Rohr an diesem wunderbaren Gerät gepustet habe. Die MTA fand, sie hätte noch nie jemanden so pusten sehen. Ich bin ein sehr guter Puster. Vermutlich könnte man sagen, einer der besten Puster überhaupt. 

Nach dem Pusten muss man weiteratmen. Einfach wieder ein und aus. Ich würde sagen, einatmen und ausatmen ist einfach das, was ich sehr gut beherrsche. Besser als die meisten, besser als alle anderen. Ich habe so großartig weitergeatmet. Es gab keine Probleme. Ich habe das alles perfekt gemacht. Ich habe diesen Test als Beste gemacht. Ich habe diesen Test mit voller Punktzahl bestanden. 

Und ich habe keine Laktoseintoleranz. 

Weshalb ich weiter Sahneschnittchen, Camembert und Joghurt essen kann. Und zum Glück bin ich bei den 20 Sekunden Luftanhalten nicht zu Tode gekommen. Wenn mir nämlich jemand sagt, ich soll 20 Sekunden die Luft anhalten, bekomme ich nach 3 Sekunden die erste Panikattacke, weil ich sicher bin, zu ersticken.Und 20 Sekunden sind lang. 

Egal. Die Hauptsache ist, ich habe einen wirklich guten Job gemacht. Und im September halte ich für Fruktose die Luft an. Im September mache ich diesen Test nochmal. Nicht genau den gleichen, nein. Es ist Fruktose. Ich werde ihn wieder so perfekt machen. 

Immerhin bin ich stabil und ein Pustgenie. 

Solltest Du noch Fragen haben, meine liebe Annika, ich kann Dir alles erklären. 

Deine Potus Lavendel

Dienstag, 4. August 2020

Orientexpress nach Wien


Liebe Lavendel,

wie heiß das in Wien war, habe ich ja schon hier beschrieben. Aber erstmal musste ich ja überhaupt  nach Wien kommen. Ich dachte, ich gönn mir was: das Single-Deluxe-Schlafwagenabteil mit eigener Dusche und WC. Da stellt man sich natürlich was drunter vor. Ich bin mal Anfang 2000 mit dem Schlafwagen nach München gefahren und das war tres chic.

Hier steige ich also in den Zug ein und komme in ein Dreier-Abteil, in dem einfach nur die anderen Betten hochgeklappt waren, was sich nicht wie Single-Deluxe anfühlte, sondern wie eine extrem überteuerte Pritsche. Ich hätte für den Preis drei Nächte incl. Frühstück im Marriott am Potsdamer Platz absteigen können - ist das zu fassen?

Der Zug fuhr in Berlin um 18 Uhr los und ich saß auf dem Bett und rechnete aus, wie lange ich noch im Schneidersitz würde sitzen müssen, bis ich endlich müde werde. Vor Mitternacht passiert da nix bei mir. Ich bat den Schaffner, mir das Bett noch mal hochzuklappen, damit ich anständig sitzen konnte. Um 22 Uhr allerdings klappte er es mir endgültig wieder runter

Der Schaffner war ein Österreicher, was nicht wundert, denn die Ösis haben die Nachtzüge der DB übernommen und befahren jetzt diverse Nachtstrecken, was prinzipiell zu lobpreisen ist. Aber: bei den gepfefferten Preisen erwarte ich, dass das Wasser zum Händewaschen nicht ab 22 Uhr abgestellt wird; der Schaffner auch wirklich kommt, wenn man ihm deshalb anpiept und man nicht gegegn 23 Uhr aufgibt und sich damit abfindet, dass man eben nicht duschen kann.

Als Hypochonderin fantasierte ich sogleich, dass, wenn ich jetzt einen Infarkt erlitte, der Schaffner meine Leiche erst in der Früh kurz vor Wien finden würde. Ich hätt' ihm den Schreck direkt gegönnt, so sauer war ich inzwischen. 

Denn an Schlaf war wirklich nicht zu denken: in der Tschechei muss der Zug vor jedem Bahnübergang - und sei er noch so klein und unbedeutend - zum Schutz der passierenden Autos hupen. Also alle 30 Sekunden das Gehupe. So sehr ich mich anfangs gefreut hatte, dass dieser alte Zug immerhin noch ein Fenster hat, das sich öffnen ließ, so schloss ich es rasch wieder, denn dann war aus der Hupe ein Nebelhorn geworden.

Ich sah ein paar Filme auf meinem Ipad (Gott bewahre: kein WLAN, nur schlau genug, mir vorher was downzuloaden) und dann schlief ich endlich ein. Für eine Stunde ungefähr, denn im Zug wacht man auf, wenn er nicht mehr fährt. Und um auf 12 Stunden zu kommen für eine Strecke, die sich locker in 7 Stunden bewältigen ließe, muss man eben mal hier 50 Minuten halten und da 40 Minuten, etc. Wirste verrückt, zumal die Klimaanlage ausgeht und man wach wird, auch weil einem kochendheiß wird. 

Um 6 Uhr morgens kam das Frühstück - leider nicht die "6 Komponenten", die ich am Abend zuvor angekreuzt hatte, aber wer braucht schon Butter auf Gummibrötchen? Um 7 Uhr stolperte ich zerschlagen aus dem Zug und mir graute da schon vor der Rückfahrt - jetzt wusste ich ja, was mich erwarten würde.

Aber ich wusste auch nicht, was für eine Hitzeschlacht mich in den folgenden Tagen erwarten würde und als ich die erstaunlicherweise überlebt hatte, kam mir die Rückfahrt wie eine richtige Single-Deluxe-Reise vor.

Ich ging auf die Knie und fand zu Gott, als ich wieder einstieg und die Klimaanlage funktionierte. Ganz still saß ich im Schneidersitz auf dem Bett und dann ging ich sogar in diese Winzdusche und verbrauchte das ganze Wasser für den Zug, fürchte ich, aber das war mir egal. Ich konnte nicht anders. Und gleich anschließend legte ich mich brav auf die Pritsche und schlief sofort ein.

Ist alles eine Frage der Perspektive...

Sonntag, 26. Juli 2020

Im Reisefieber

Liebe Lavendel,

wenn Marmelade Zukunftsangst lindert, dann schick mir mal ein paar Kilo rüber. Oder du bringst sie mir persönlich, das wäre sehr nett. Dann könntest du mir auch persönlich Mut zusprechen und ich dir. Und bekochen könntest du mich auch - ich schätze es außerordentlich, wenn ich gefüttert werde. Ich würde dich pausenlos lobpreisen.

Nachdem ich heute gelesen habe, dass am Nordpol 21 Grad sind und in Sibirien 38 Grad bin ich wieder bänglich und mutlos geworden, muss ich zugeben. Gerade schüttet es draußen ohne Ende und natürlich begrüße auch ich jeden Regentropfen, als wäre er der Heiland persönlich. Jeder Regentag hilft, bilde ich mir ein. 

Deine Baumtrauer ist berechtigt, leider, wie gerne würde ich denken: die spinnt doch, die Lavendel, das stimmt doch alles gar nicht, jetzt schreibt die hier Fake News in unser neues Blog - aber meine guten Beziehungen zu einem Förster im Brandenburgischen bestätigen das alles und wäre in diesem Jahr der dritte Dürresommer in Folge gewesen, dann läge die Versteppung nur noch einen Wimpernschlag entfernt. Was sie ohnehin tut, dieser Sommer wird nur der Tropfen auf dem heißen Stein sein. Ja, meine Liebe, es ist furchteinflößend. In meinem Wald vor der Tür sieht noch alles tippetoppe aus, aber es ist ja auch kein richtiger Wald sondern ein kleines Wäldchen, ein Mischwäldchen, aber der Förster hat bei der Begutachtung gesagt "Dieser Wald kriegt 90 von 100 Punkten". Wenn du mir die Marmelade bringst, zeige ich ihn dir gerne. Deinem Hund wird's hier auch gefallen.



Der hier schon
Sieht auch nicht mehr ganz gesund aus





















Am Dienstag musst du ganz fest an mich denken, denn dann bin ich in Wien und es werden 34 Grad sein. Ich besuche eine Freundin und fahre sehr luxuriös mit dem Nachtzug hin und zurück. Kaum hatte ich meine Tickets gebucht, kam zwei Tage später die Meldung, dass sich in Österreich die Fallzahlen wieder dramatisch erhöhen und ich fragte mich, welcher Teufel mich geritten hat, ins Ausland zu reisen, wo ich doch seit Jahr und Tag nur an Ost- und Nordsee zu finden bin? Warum ausgerechnet jetzt so abenteuerlich - ist meine Hypochondrie am Ende nur verklausulierte Todessehnsucht?

Eine Woche war ich bei meiner Mutter - dank Corona habe ich feststellen dürfen, dass es sehr lauschig bei ihr im Garten ist, wenn ich nicht nur ein Wochenende dort bin, sondern mal alle Zeit der Welt habe, alte Freunde und erste Lieben zu treffen. Der schöne See hat jetzt sogar ein Strand Café, wie bei uns in Berlin, chillig und unaufgeregt, Elevator-Musik und Sonnenuntergang inklusive.

Als ich später an dem Hochhaus vorbeifuhr, in dem ich als kleines Kind gewohnt habe (in meinern Zehnern, sozusagen), saßen in der Abendsonne mindestens 3 Kinder und vier Erwachsene auf dem Balkon im 6. Stock, es war ein munteres Treiben und ich konnte sie gut verstehen, denn ich weiß ja, wie schön es dort oben ist. Beinah wäre ich ausgestiegen und hätte hochgerufen, ob ich mal kurz nach oben kommen darf.

Kaum in Berlin angekommen, ging's gleich wieder zur Sache. Wir haben in Steglitz einen großen Laden für Bastelbedarf und mein Host in Wien hat sich als Mitbringsel tatsächlich eine Stoffschere gewünscht, naja, des Menschen Wille ist sein Himmelreich.

An der Kasse jedenfalls beschimpft die Kassiererin eine Kundin dergestalt, dass ich mich einmischte und ihr wenig professionelles Gebaren beklagte. Die Hölle brach nun erst recht los, sie lasse sich nicht fertig machen, worauf ein anderer Kunde meint "Sie machen doch die Leute fertig und nicht umgekehrt", worauf sie ihn anbrüllte, er solle verschwinden und sich nicht in "Gespräche" einmischen, die ihn nichts angingen, sie kreiste komplett aus - ein Tumult, wie ich ihn noch nie erlebt habe mit einer Verkäuferin - aber das für mich Erstaunlichste war: niemand ihrer Kollegen griff ein, kein Vorgesetzter kam angerannt - obwohl die allgemeine Brüllerei eigentlich schon einen Polizeieinsatz hätte berechtigt erscheinen lassen. Wer mag, kann das auch positiv verstehen, als typische Berliner Lässigkeit oder so. Jedenfalls wusste ich, dass ich wieder zuhause bin.

Ich freue mich, dass du deine Zuhause-Ferien genießt. Mach nur weiter so, verreisen wird überschätzt. Lieber Regentänze lernen.

Liebste Urlaubsgrüße zurück
Deine Annika